Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

368

Platner:
Nach so langem Harren und nach so oft getäuschten Erwar-
tungen', nach so vielen und so häufig wechselnden Schwankungen
zwischen dem alten, angeborenen, ursprünglich deutschen und dem
fremden und nun deutschen Recht, nach so zahlreichen und nachhal-
tigen Kämpfen zwischen den lokalen, singulären Rechtsinstituten und
tat allgemein gültigen Rechtslehren, zwischen der unabhängigen Au-
tonomie und dem bindenden Gesetz, nach so häufigem und jähem Kon-
trast zwischen der Rechtsregel und der Nechtsanwendnng, zwischen
dem todten Buchstaben und dem lebendigen Geist des Gesetzes, der
abstrakten Wissenschaft und dem concrete« Leben, dem bloßen Juri-
sten- und Beamtenrecht und dem Volks - und Gemeinderecht^ scheint
jener großartige Zeit- und umgestaltende Wendepunkt gekommen zu
sein, wo die Forderung eines allgemeinen nationalen Gesetzbuchs in
dem Geiste des Volks sicher und unverrückt feststeht, wo das Stre-
ben nach einem durchgängig deutschen Recht nicht blos innerlich in
den Herzen des Volks schlummert, sondern durch ein frisches und
urkräftiges Rechtsleben des germanischen Geistes aus seinen Grund-
tiefen heraus sich zu offenbaren trachtet, wo die tiefe ernste Sehn-
sucht nach deutscher Rechtseinheit durch naturwüchsiges Zusammen-
wachsen der verschiedenen in Deutschland vorhandenen Rechtskörper
befriedigt wird. Der Gedanke an ein gemeinsames Nationalrecht
zeigt sich nicht etwa wie die Erinnerung an eine längst verschossene
Sage aus der dahin geschwundenen großartigen Vergangenheit un-
serer Vorfahren, nicht als ein schwaches Aufflackern und Aufsprühen
der verlöschenden Flammen des Nationalgeistes, sondern als eine
Idee, welche dem neu erstarkten und jugendlich gekräftigten Volks-
leben entfMoffen, mit unserer Existenz als einer einigen Nation ver-
wachse», durch viele innere und äußere Kämpfe erprobt, in einer
großartigen Gegenwart, und hoffentlich in einer noch großartigem
Zukunft durchgeführt und verkörpert wird.
Nicht mehr brauchen wir wohl zu fürchten, daß eine Beschrän-
kung des ehrenhaften, so mächtig und stark gewordenen Gemeinsinns,
daß eine Unterdrückung des nationalen Rechts, welche eine Versün-
digung an der Wissenschaft und an der Nation zugleich wäre, ein-
trete '), und daß die deutschen Regierungen diese Sache, wie frü-

1) Jahrbücher für historische und dogmatische Bearbeitung des römi-
schen Rechts von Gebrüder Sell, Bd. k. S. S. Reyscher, für

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer