Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

Quellen des Rechts.

sr

nen man eine größere Rechtskenntniß, Gründlichkeit und Unpartei-
lichkeit erwartet, als von denen der Gerichte. Die Gerichte kom-
men heutiges Tages nur selten noch in die Lage, Zeugnisse über be-
stehende Lokalrechte zu ertheilen. Am meisten scheint es noch in den
sächsischen Ländern üblich zu sein, daß den Parteien ein solches Zeug-
niß zum Gebrauche auswärtiger Spruchbehörden in Randbemerkun-
gen zu den Akten gegeben wird.
Auf das Zeugniß der Schriftsteller hat man stets großen, oft
übertriebenen Werth gelegt, ja man hat zu manchen Zeiten sie zu
wahren Organen erhoben, durch welche die Rechtsansicht des Volks
sich kund geben könne, indem man bald die Auctoritas Prudentium,
die communis Doctorum Opinio als Rcchtsquelle betrachtete, bald
einzelne besonders ausgezeichnete oder bequeme Schriften gleichsam
als juristische Orakel behandelte. Es ist schon vorhin erwähnt, wie
bei den Römern die Aussprüche und Schriften einiger Zuristen förm-
lich gesetzliche Autorität erhielten. Zm Mittelalter bekamen einzelne
Schriften — wie der Sachsen- und Schwabenspiegel und ähnliche
RechtSbücher in andern Ländern — eine ähnliche Autorität dadurch,
daß sie als die einzigen oder wenigstens brauchbarsten Schriften die-
ser Art sehr verbreitet wurden. Einige Rechtsbücher, wie der Sach-
senspiegel in den sächsischen Ländern und Polen, der Kastilianische
Libro del Estilo, erhielten durch diesen Gebrauch wahrhaft ge-
setzähnliches Ansehen, das durch spätere Gesetze wirklich zum Gesetz-
lichen erhoben wurde. Im 15. Jahrhundert hielt man sich in ganz
Europa, so weit man römisches Recht gebrauchte, ebenfalls an ein-
zelne Autoritäten, namentlich Baldus und Bartolus im Privatrecht,
Johannes Andreä im Kirchenrecht, Durantis im Proccß.
In neuerer Zeit hat man gleichfalls viel Gewicht auf die Mei-
nungen der Schriftsteller gelegt, doch hat man nicht mehr so aus-
schließlich sich an bestimmte Männer gehalten. Wenn gewisse Schrift-
steller ein überwiegendes Ansehen bekamen, so lag der Grund da-
Don in ihrer wirklich größeren Tüchtigkeit, oder in ihrer Stellung,
welche ihnen eine vorzügliche Gelegenheit gab, Erfahrungen zu sam-
meln. Man hat aber häufig eine zwiefache Benutzung der Schrift-
steller verwechselt und vermischt. Der praktische und in wissenschaft-
licher Behandlung weniger geübte Jurist verläßt sich nämlich gern
auf die Resultate, welche gewiegte Männer der Wissenschaft nach
bedächtiger Prüfung gefunden haben, und er kann dieß mit vollem

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