Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

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Reyscher:
wäre nimmer zu rechtfertigen gewesen. Auch ward mit Recht an
dem neuen Entwürfe ausgesetzt, daß er den Neubau des Bundes
mit der Spitze, dem Bundeshaupte, statt mit dem Volke beginne.
Ich übergab daher am ersten Tage der Versammlung dem Präsi-
denten den schriftlichen Antrag, statt Art. 1 —HI. des neuen Sieb-
nerprogramms zu setzen:
„I. Die Deutschen bilden wieder Ein Volk und Ein Reich.
II. Diesem Reiche kommen alle staatlichen Rechte zu, vorbehalt-
lich der Autonomie der einzelnen Vollsstämme und Landesgebiete.
UI. Ein Haus des Volks, hervorgehend aus Urwahlen nach
dem Maßstab von 1 zu 70,000 wird die künftige Verfassung Deutsch-
lands bestimmen."
Ich hatte bei dem letzten Antrag nicht die Absicht, die Mitwir-
kung der deutschen Landesregierungen bei Konstituirung des deutschen
Reiche-Staats auszuschließen; aber es schien mir wichtig, von Einer
Versammlung die letzte Entscheidung ausgehen zu lassen, um die
Special - und Partikular-Interessen, welche bisher Deutschland getheilt
haben, leichter zu überwinden. Indessen nach den Erlebnissen der
ersten Sitzung war es nicht räthlich, die angeregten Pnnkte oder
gar einzelne Grundsätze, z. B. den Grundsatz der einheitlichen
Regierung mit Volksvertretung, so sehr ein Uebereinkommen dar-
über nach vielen Seiten beruhigt hätte, dem stürmischen Meere der
vorbereitenden Versammlung anzuvertrauen. Zudem war durch den
Beschluß jener Sitzung, einer deutschen constituirenden Versammlung
das Verfassungsgeschäft zu überlassen, bereits das Wesentliche für jetzt
schon erreicht; ich zog also unter Uebereiustimmung meiner Freunde den
Antrag von dem Präsidium zurück, und erfuhr erst in der letzten Sitzung,
daß auch Soiron einen dem obigen Antrag nr. III. ähnlichen Antrag ge-
stellt habe, der in der allgemeinen Ermüdung jener Sitzung endlich ange-
nommen wurde, obgleich er der Ansicht der Mehrheit nicht entsprach, in-
dem nach ihm einzig und allein von der constituirenden National-
versammlung die Verfassung ausgehen sollte. Durch die Bemerkung
Soirons, daß diese Versammlung nicht gehindert sei, nach gefaßtem
Beschlüsse auch noch mit den Regierungen zu unterhandeln und Ver-
trage zu schließen, wurden zwar die Bedenken der Mehrheit beschwich-
tigt; allein der Grundsatz der Volkssouveränität in dem Sinne,
daß der Volkswille d. h. der Wille der Mehrheit der Staatsord-
nung zu Grund liege, ist durch den gefaßten Beschluß als die An-

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