Full text: Volume (Bd. 13 (1903))

Fahrlässigkeit, Verkehrssitte, Aberglauben. 91
Es kann allerdings unbedenklich für bewiesen angesehen werden, daß
in einem großen Teile der Bevölkerung von S. und Umgegend der vont
Kläger behauptete Aberglauben herrscht, daß er selbst ihn gekannt, infolge-
dessen aber seinen Wagen zur Beerdigung von M.'s Leiche nicht hergegeben
haben würde, wenn er von dessen Selbstmord unterrichtet gewesen wäre,
und daß ihm aus dieser Hergabe Schaden erwachsen ist.
Allein, unter der „im Verkehr erforderlichen" Sorgfalt wird doch nur die-
jenige verstanden, welche im gesunden und normalen Verkehre für erforder-
lich und genügend erachtet wird, auch wenn sie im einzelnen Falle nicht zur
Abwendung eines Schadens ausreicht, der bei noch größerer Sorgfalt, wie
sie vielleicht besonders peinliche Menschen anwenden, zu vermeiden gewesen
wäre (vergl. Planck, Kommentar zum D.B.G.B. Bd. 1 S. 35 fs. und
Cosack, Lehrbuch Bd. 1 S. 238 ff.). Die hiernach allein maßgebende ver-
ständige Verkehrssitte erfordert aber keineswegs, daß die Vertragsteile
mit dem Bestehen eines Aberglaubens und dessen Folgen rechnen müssen.
Freilich behauptet nun der Kläger, aus seinen Fragen nach der Todes-
ursache und deren Ton habe der Beklagte ersehen können, daß für ihn
(den Kläger) ein sachliches Interesse bestehe, die Todesursache M.'s zu
erfahren; die Erteilung einer wahrheitswidrigen Auskunft verstoße daher
gegen Treu und Glauben. — Aus Grund der Beweisergebnisse wird hierzu
näher ausgeführt, daß Klägers Frage nach der Todesursache mit dem
abzuschließenden Dienstvertrage in keinem Zusammenhänge gestanden,
sondern lediglich das Interesse und die persönliche Teilnahme an dem
Schicksal eines „Nachbarn" habe dartun sollen, und weiter bemerkt: Selbst
wenn aus seinem Verhalten zu entnehmen gewesen wäre, daß das von
ihm gezeigte Interesse an der Todesursache M.'s über seine persönliche
Anteilnahme hinausging, so ist doch nicht abzusehen, wie der Beklagte trotz
seiner Unkenntnis jenes Aberglaubens auch bei sorgfältigster Erwägung
damit hätte rechnen sollen, daß die Verschweigung der wahren Todesursache
dem Kläger einen Vermögensschaden bringen könne und daß dieser nicht
aus irgend welchen sonstigen Gründen, sondern gerade zur Vermeidung
solchen Schadens sich danach erkundige.
Der Erfolg, der auch für den Sorgfältigen nicht vorauszusehen war,
und der aus einer unverschuldeten Unkenntnis des den Schaden herbei-
führenden Umstandes beruht, darf aber auch nicht zum Verschulden an-
gerechnet werden, sondern hat als ein Zufall zu gelten, für den nicht ge-
haftet wird (vergl. Entsch. des R.Ger. in Cs. Bd. 10 S. 288), oder mit
anderen Worten: Fahrlässigkeit ist nicht anzunehmen, wenn die Möglichkeit
einer Rechtsverletzung so fern liegt, daß sie selbst bei Beobachtung der im
Verkehr erforderlichen Sorgfalt nicht würde berücksichttgt worden sein
(vergl. 8 121 Satz 2 des an sich hier nicht anwendbaren S.B.G.B.).

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