Full text: Volume (Bd. 8 (1843))

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G. v. Struve:

licher als zuvor wieder in die Kreise der Gesellschaft einführt, wo
dieselben Ursachen, welche das erste Verbrechen herbeiführten, noth-
wendig von neuem wirken, d. h. neue Verbrechen Hervorrufen
müssens).
Nur auf solchen Grundlagen laßt sich eine Einigung Deutsch-
lands in strafrechtlicher Beziehung erwarten und wünschen. Denn
nur diese sind zeit- und naturgemäß. Nur diese sind geeignet, ih-
ren Zweck: Verhütung von Verbrechen, zu erreichen. Unsere Gesetze
sollen keine Leimruthen seyn, auf welchen man die Verbrecher fängt,
um sie mit Lust abstrafen zu können, sondern sie sollen entweder die
Neigung zum Verbrechen vor der That ersticken, oder nach dersel-
ben ausrotten. Sie sollen nicht als etwas Schreckliches, Furchtbares
blos auf die Furcht des feigen Menschen wirken, sondern sie sollen
als ernste, doch wohlwollende Mahnungen alles Bessere im Men-
schen aufrufen zur Wachsamkeit und Thatkraft.
Doch nicht blos das Gesetz, welches die rechtlichen Folgen der
Thaten zum voraus bestimmt, auch das Gesetz, welches feststellt, in
welcher Art die Thaten zu Tage gebracht und beurtheilt werden sol-
len, ist von der höchsten Bedeutung in bürgerlichen, wie in Straf-
Sachen.
In einem aufOeffentlichkeit und Mündlichkeit gegründeten Ver-
fahren allein kann sich Deutschland vereinigen. Denn wer dieses
bereits besitzt, läßt es nicht mehr, wer es noch nicht hat, strebt dar-
nach. Wir haben im Badischen den Kampf um Oefftntlichkeit und
Mündlichkeit in Civilsachen durchgekämpft, und alle Stimmen sind
setzt, nach zehnjähriger Erfahrung, einig, daß der Uebergang zur
Oeffentlichkeit und Mündlichkeit einen Fortschritt zum Bessern bekun-
dete. Selbst die ehmaligen Gegner dieses Verfahrens sehen es jetzt
ein. Wir haben den Fall erlebt, daß in einer Woche ein Rechts-
streit durch die drei Instanzen gieng. Dieses wäre beim schriftlichen
Verfahren nicht möglich, auch bet dem besten Willen der Richter
nicht. Dagegen habe ich unter der Herrschaft des schriftlichen Ver-
fahrens den Fall erlebt, daß ein im Jahre 1832 im Fürstenthum
Birkenfeld anhängig gemachter Rechtsstreit erst im Jahre 1842 in

5) In von Zagemann^s u. Nöllner's Zeitschrift für das deutsche Straf-
verfahren Bd. 3, H. 2 u. 3> und der Beilage zu meiner Zeitschrift
fitr Phrenologie habe ich diese Ansichten näher ausgeführt.

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