Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 8 (1843))

Die Phrenologie in ihrem Einflüsse auf d. Recht. I8t
Diese letztere Regel hat, wie jede andere Regel, bei ihrer Ver-
pflanzung ins wirkliche Leben mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Allein
je geschickter derjenige ist, der sie handhabt, desto leichter wird er
sie beseitigen; je ungeschickter, desto weniger leicht. Ist er ganz un-
geschickt, so kann er sie gar nicht beseitigen. Wir setzen hier natür-
lich einen geschickten, und nicht einen ungeschickten Phrenologen vor-
aus. Es ist bekannt, daß die trefflichsten Regeln der Arzneikunde
z.B. den ungeschickten Aerzten nichts helfen. Der Blinde kann auch
durch bvc beste Brille nicht sehen.
Mit Hülfe dieser Grundsätze sind im Laufe eines halben Jahr-
hunderts durch Gall, Spurzheim und ihre Nachfolger die ei-
gentlichen Elemente, die Grundkräfte entdeckt worden, vermittelst
deren unsere Seele in diese von Raum und Zeit umfangene Welt
wirksam eingreift.
Die alte Schule der Seelenlehre nimmt die verschiedenartigsten
Seelenkräfte an. Jeder Psychologe findet andere auf, und alle zu-
sammen erschöpfen eines Theils die Wirksamkeit deS menschlichen
Geistes keineswegs, andern Theils sind sie viel zu allgemein gegrif-
fen, um mit der Natur übereinzutreffen. Die Natur ist überall con-
cret, die alte Schule der Psychologie hat sie ganz abstract darge-
stellt. Letztere verhält sich zur Phrenologie wie ein trockener Roman
zur thatenreichen Geschichte, oder wie die Speculatt'onen eines Astro-
logen zu den Wahrnehmungen eines Astronomen. So sehen wir
uns in den Werken der alten Psychologen vergebens nach Kräften
um, wie sie die Phrenologie z. B. im Größensinne, im Gewichts-
sinne u. s. w. darstellt, und doch ist es gewiß, daß wir ohne den
erstern nicht im Stande wären, die Entfernung eines Körpers vom
andern, ohne den letzter» den Widerstand, welchen uns die Schwer-
kraft jeden Augenblick entgegensetzt, zu bemessen. Ohne diese beiden
Sinne könnten wir weder eine Landschaft perspectivifch auffaffen,
noch unser Gleichgewicht einen Augenblick behaupten. Auf der an-
dern Seite sind die Seelenvermögen der alten Schule keine Grund-
kräfte. Das Gedächtniß z. B. ist keine solche. Denn eine Grund-
kraft muß sich in allen Beziehungen bewähren. Allein es ist bekannt,
daß derselbe Mensch, welcher ein treffliches musikalisches, oft ein sehr
schlechtes Wortgedächtniß oder Zahlengedächtniß hat u. s. w.
Indem uns die Phrenologie dagegen die durch Beobachtung
aufgefundenen, die durch Erfahrung erprobten Kräfte der Seele

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