Full text: Volume (Bd. 15 (1855))

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Abegg:
Dann hat es in der Sache, so lange die Vollstreckung der Todes-
strafe nicht als eine die Ehre gefährdende Verrichtung angesehen
wurde, nichts Widersprechendes, und nach den frühern Ansichten
nichts dem Rechte zu nahe Tretendes, wenn der Nachrichter diese
verschiedenen Geschäfte vereinigte. Erst als eigene Vollstrecker auf-
kamen und das Amt derselben von der Theilnahme an der ge-
meinen Ehre ausschloß, mußte es als nicht blos unanständig, son-
dern überhaupt als unvereinbar mit der Gerechtigkeitspflege erkannt
werden, wenn man dem Nachrichter in diesem Sinne die Er-
öffnung, und vollends nicht blos als formelles Geschäft, sondern
als Aussprechung des Todesurtheils überließ. Dieser Erklärung
Beyers tritt auch Meister bei?*).
Vielleicht darf man damit noch Anderes verbinden. Die frü-
here Zeit faßt das Strafrecht noch nicht von dem objektiven Stand-
punkte auf, dessen Geltendmachung erst das Ergebniß einer weiter
fortgeschrittenen Gesittung und Rechtsanschauung seyn konnte. Lange
Zeit herrscht der privatrechtliche und mehr subjektive Gesichtspunkt
vor, wie sich derselbe in der Leistung anderweiter Genugthuung ge-
gen den Verletzten oder die Familie desselben kund gibt, und es ist
nicht selten, daß die Frage, ob die Todesstrafe eintrete oder eine
andere Sühne stattfinde, in das Ermessen, die Willkühr der Ver-
letzten oder ihrer Angehörigen, und beziehungsweise des Schuldigen
selbst gestellt wird M). Nimmt man einerseits dieses, andererseits

geregelten Verfahrens, und der Vollziehung derselben im öffentlichen
Interesse des Rechts, ist die Lehre von der Findung und der Voll-
streckung des Urtheils, und der hiezu berufenen, berechtigten oder ver-
pflichteten Personen in hohem Grade wichtig.
24) a. a. O. 8. X
25) Jarke, Handbuch des gemeinen deutschen Strafrechts, Thl. I. Ber-
lin 1827. S. 32 theilt aus „Cantzow Pomerania" II. S. 448
einen interessanten Rechtsfall aus den letzten Jahrzehenden des fünf-
zehnten Jahrhunderts mit, welcher das noch ungeordnete Nebeneinan-
derbestehen des altern germanischen Systems und der später» Begriffe
von öffentlicher Strafe erkennen läßt. Ein junger Bürger, Adebar,
hatte seinen Jugendfreund Schlieff, in Folge eines unvorsichtigen
Scherzes, tödtlich verletzt, und dieser war bald darauf gestorben. Die
Freundschaft desselben ließ Adebar einfangen, und obgleich die Freund-
schaft Adebar's sich bemühte — „das er mochte auf gebürlichen abtrag

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