Full text: Volume (Bd. 15 (1855))

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K. F. Eichhorn.
chenrecht. Im Winter 1816—17 wurde ihm auch die Ehre zu
Theil, dem Kronprinzen von Preußen Vorträge über deutsches
Recht zu halten. Eine neue Blüthczeit für vaterländische Bildung
war mit Beendigung des Kriegs angebrochen. Man fühlte das
Bedürfniß, die Forschungen in der deutschen Geschichte und Sprache
mit gründlichem Eifer aufzunehmen; man suchte auch das Recht
und den Staat wieder auf die alten Grundlagen zurückzuführen
und, während dieß bekanntlich politisch nicht gelang, während selbst
die billigsten Erwartungen der Nation nicht befriedigt wurden,
fehlte es wenigstens nicht an wissenschaftlichen Anstrengungen, um
die gelehrte Erkenntniß alter und neuer Institutionen zu heben.
Ja Manche giengen in Behandlung einer praktischen Wis-
senschaft, wie die Jurisprudenz ist, nur zu weit, indem sie das
heutige Recht vorzugsweise aus Rechtsantiquitäten zu erklären ge-
dachten und die deutsche Nation, welche schon so vieles gelernt
hat, hindern wollten, aus dem verwirrten Nechtszustand mittelst
einer neuen Gesetzgebung herauszukommen. Eichhorn war, wie
aus seiner Rechtsgeschichte §. 618 a. E. hervorgeht, nicht dieser
Ansicht. „Das Bedürfniß einer bürgerlichen Gesetzgebung über-
haupt", sagt er hier, „wird kaum irgendwo in Abrede zu stellen
sein". Er meinte nur, daß die subsidiäre Gültigkeit der bisherigen
Quellen des gemeinen Rechts, besonders in kleineren Staaten nicht
wohl entbehrt werden könne, ohne den Zerfall der Rechtswissen-
schaft herbeizuführen und rieth daher, hier lieber durch organische Ge-
setze und Entscheidung der wichtigsten Controversen nachznhelfen.
Im Jahr 1817 folgte er nach dem Wunsche seines Vaters
einem Rufe an die befreundete Hochschule zu Gottingen, wo er
jetzt die Stellen seiner, 10 Jahre zuvor mit Tod abgegangenen
Lehrer Pütter und Runde ausfüllte. Obgleich sein Vortrag dem
seines Berliner Freundes Savigny nachstand, so war doch der Er-
folg seiner Lehrwirksamkeit ein ganz außerordentlicher, und ihm
vorzüglich verdankte die berühmte Georgia Augusta ihren damali-
gen Aufschwung. Im Sommer 1825 zählte Göttingen 1545 Stu-
dirende, worunter 807 Ausländer. Der größte Hörsaal der Uni-
versität reichte nicht hin, die Zuhörer in den germanistischen Vorle-
sungen Eichhorns zu fassen; es mußte eine Scheune als Audito-
rium hergerichtet werden uud auch diese reichte mehrmals nicht hin,
alle, die sich anmeldeten, zuzulaffen. Eichhorn las täglich 2—3 Stun-
. 29*

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