Full text: Volume (Bd. 15 (1855))

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Gonzenbach:
Gerichtsherren eigen, schwerlich aber so allgemein gewesen sein dürfte,
daß sie einer Reprobation durch ein Reichsgesetz bedurft hätte.
Gar leicht mögen aber an anderen Orten andere Ursachen die gleiche
Wirkung gehabt haben, wie z. B. der von Ab egg accentuirte Um-
stand, daß nicht alle Todesstrafen überall leicht vollziehbar waren.
Abegg hätte sich dabei noch ganz besonders auf den Art. 131 der
660., der von der Strafe des Kindermordes handelt, beziehen
können, der darin erst der gewöhnlichen Strafe des Lebendig-
begrabens und Psählens erwähnt, dann aber fortfährt: „Aber dar-
innen verzweiffelung zu verhütten, mögen dieselben übelthätterin inn
welchem gericht die bequemlichept des Wassers darzu vorhanden ist,
ertrenckt werden." — Der natürliche Erperte darüber, ob die be-
quemlicheyt des Wassers darzu vorhanden sei, war doch gewiß der
Scharfrichter, der eben die Ertränkung im Wasser vornehmen sollte!
Und diese Bequemlichkeit konnte gar wohl an einem und demselben
Orte bald vorhanden sein, bald wieder nicht. Bei dem für die
ältere Strafrechtspflege so überaus lehrreichen Ochs, Geschichte
der Stadt und Landschaft Basel, finden sich Beispiele angemerkt,
daß sich sogar aus dem Rheine Uebelthäterinnen wieder erretteten,
weßhalb dann der Rath später die Strafe des Ertränkens durch
die der Enthauptung ersetzte. — Wie erklärlich nun, wenn man,
um die Verhandlung mit dem Scharfrichter über die jeweilige Mög-
lichkeit oder Unmöglichkeit abzuschneiden, denselben lieber von vorn-
herein die Art der Todesstrafe bestimmen und aussprechen ließ.
Eine analoge Trennung der Motive und des Dispositivs bei der
Publikation peinlicher Urtheile finde ich in den hiesigen Blutbüchern
durchaus festgehalten. Die Urgicht, oder wie man richtiger schreiben
würde: die Vergicht des armen Sünders, d. h. die Erzählung seiner
Verbrechen, las der Schreiber des Vogtgerichts laut vor und der
Refrain war: darauf ist mit Urtheil und Recht zu ihm gerichtet
worden, wie Ihr (Zuhörer) von meinem Herrn, dem Vogt des
Heiligen Reichs, vernehmen werdet. Also die Strafe sprach der
Vogt aus und öfter finde ich die weitere Notiz dabei: und soll ich,
der Vogt, dabey seyn und seines Ends erwarten, Worte, die na-
türlich auch nur der Vogt aussprechen konnte. — Gehen wir aber
von dieser kleinen Digression zu dem andern in Aussicht gestellten
Zeugnisse für den fraglichen Brauch oder Mißbrauch über. Wir
finden dasselbe in einem für das ältere Criminalrecht sehr lehr-

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