Full text: Volume (Bd. 15 (1855))

288

Wilda:

daß ihnen dieses Erbrecht nachmals in der Weise entzogen worden,
daß auch dem Vater nicht einmal die Befugniß geblieben ist, den-
selben durch Gabe etwas zuzuwenden, wie unter Liutprand dieß in
Beziehung aus die, welche 6X illicito matrimonio hervorgegangen
waren, bestimmt worden war m).

8. 23.
Aus der Gesammtbetrachtung der germanischen Nechtsquellen
scheint sich nun zu ergeben, daß Rechtlosigkeit und Erblosigkeit aller
unecht gebornen dem germanischen Rechte ursprünglich fremd gewe-
sen ist, und sich erst allmählig hervorgebildet bat. Man darf sich
aber durch die günstigere Stellung unechter Kinder Recht nicht
etwa verleiten lassen, das, was Tacitus von der Keuschheit und
geschlechtlichen Sittenzucht der alten Germanen berichtet, wo-
durch sie sich vor allen andern barbarischen Völkern, wie vor den
entarteten Römern ausgezeichnet haben sollen, als minder zuver-
läßig anzusehen. Keuschheit war den damaligen Germanen nicht
sittliches Gebot und Grundsatz, sie war ihnen Natur. Jene gewal-
tigen Menschen kannten nicht den steten Kitzel der Wollust, der
das Berhältniß der Geschlechter zu einander vergiftet, die Jugend
entnervt, und vom rühmlichen Denken und Handeln abzieht. In
ihrer „inoxbansta pubertas" sindet schon Cäsar (äe B.G. V. 21) den
Grund ihrer gewaltigen Kraft. Ihre Sittenzucht beruhte aber auf
andern sittlichen Vorstellungen, als die jetzt herrschenden. Man
verlangte von dem Weibe, daß sie ihre weibliche Ehre bewahre,
daß sie sich einem Manne nicht hingeben sollte, ohne Zustimmung
und Mitwirkung ihrer Freunde, ohne die dadurch erlangte und ge-
sicherte Stellung einer rechten Ehefrau und Herrin im Hause. Aber
Sitte und Recht gestatteten dem M a n n e mehrere Ehefrauen. Auch
durch Umgang und Kinderzeugung mit einem ihm nicht vertrauten
Weibe machte er sich nicht einer an sich unsittlichen, entwürdigen-
den Handlung schuldig, und durch das Beilager wurde ursprüng-
lich nur insofern ein Unrecht begangen, als dadurch in die Fami-
171) 1«. Bajuv. XIY. 8- §• 2. Si vero de ancilla habuerit filios (thyso-
na r) non accipiant portionem inter fratres, nisi tantum quantum ei
per misericordiam dare voluerint fratres eorum: quia in veteri lege
scriptum est: Non enim erit heres filius ancillae cum filio liberae.
Tamen debent misericordiam considerare, quia caro eorum est.

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