Full text: Volume (Bd. 15 (1855))

152

Köstlin:
Rechts der Ehre in seinem Verhältniß zum übrigen Rechtssystem
ein noch immer streitiges Problem. Denn, um von denen gar nicht
zu reden, welche, anstatt von einem Rechte der Ehre zu reden (ohne
welches ein Delikt gegen die Ehre ein rechtliches Unding wäre),
sich in unklaren Vorstellungen von der Eigenschaft der Ehre als
eines intelligibeln Guts Herumtreiben 3 4), ist es eine schwierige Frage,
wie dem Begriff der Ehre, die doch offenbar nichts Anders als die
ideale Quintessenz des Begriffs der Persönlichkeit überhaupt zu sein
scheint, eben gegenüber von diesem ihrem Wurzelbegriffe ein spezi-
fischer Gehalt zu geben sei. Manche wissen in der That einen sol-
chen nicht anzugeben und begnügen sich daher damit, das Recht
der Ehre geradezu mit dem ursprünglichen Rechte der Freiheit und
Gleichheit und der damit gegebenen nothwendigen wechselseitigen
Anerkennung der gleichen Persönlichkeit (Menschenwürde, Rechtsfä-
higkeit, Staatsbürgerthum rc.) zu identifiziren *). Allein hier fehlt
gerade das charakteristische Merkzeichen, wodurch der Begriff der
Ehre selbst in seiner weitesten und objektivsten Auffassung als ein
eigenartiger von dem allgemeinen Grunde des Begriffs der Per-
sönlichkeit sich abhebt. Dieses liegt aber im Bewußtsein und
zwar in dem aus dem Bewußtsein der Uebrigen zurückgespiegelten
Selbstbewußtsein von dem im Begriff der Persönlichkeit (Menschen-
würde, Rechtsfähigkeit rc.) liegenden Werthe 5). Und dieses Selbst-
bewußtsein setzt wieder, wenn es auf rechtliche Anerkennung soll
AnsprUh machen können, nothwendig voraus, daß die angeborene
Würde der Persönlichkeit auch wirklich von dem betr. Individuum,
— daß wenigstens von ihm nicht das Gegentheil derselben in sei-
nem Leben und Handeln bethätigt worden sei6).

3) s. z. B. Birnbaum im N. Arch. d. Krim.R. 1834 S. 183f. vgl.
Roßhirt a. a. O. S. 261 (?).
4) so Rotteck, Lehrb. d. Vernunftrechts I. 132f. Heffter, Lehrb. d.
Straft. §. 296.297. (f. jedoch Dens, im N. Arch. d. Krim.R. 1839
S. 237. 238).
5) Haken a. a. O. S. 26. Mehring, Zukunft der peinl.Rechtspflege
S. 45.
6) Daher die Verkehrtheit der Kontroverse, ob die Ehre ein Urrecht sei.
s. Rotteck a. a. O. Zachariä, Vierzig Bücher IV. 127s. Birn-
baum, im N. Arch. d. Krim.R. 1834 S. 189. v. Iagemann,

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