Full text: Volume (Bd. 15 (1855))

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Reyscher:
Nächst der Befreiung von der im Wachschum begriffenen Lan-
deshoheit lag der Reichs-Ritterschaft daran, nicht von dem ein-
dringendcn fremden Rechte und anderen Neuerungen, wogegen
die Landschaften vergeblich Klage geführt hatten, berührt zu werden.
In der schwäbischen Ritterordnung von 1560 (confirm. 1561) wurden
einleitungsweise allerlei Beschwerden gegen die Reichsstände, unter
Anderem über Erweiterung der Forsten und Wildbänne, Aufschlag
alter und Errichtung neuer Zölle, durchgehendes Geleite, Einfüh-
rung neuer welscher Lehensgebräuche (longobardischer liber
feudorum) und Veränderung der löblichen alten deutschen Lehens-
Gewohnheiten und Rechte vorgebracht. Die vertragsmäßige Lehens-
pflicht gegen die Fürsten ward daher (Art. 2) zwar anerkannt, aber
unter Verwahrung gegen alle Neuerungen und Beschwerden, die
solchen alten deutschen Lehensgebräuchen zuwider; gleichwie auch mit
solchen Lehen keines Reichsstandes Landesordnung, Landrecht, Maß,
Meß, Gewicht und was der fürstlichen Oberkeit anhängig und die
rechte Lehensherrlichkeit und Gerechtigkeit nicht berührt, angenommen
werden wollte.
Die Zwischenstellung, welche die Ritterschaft einiger südlichen
und südwestlichen Territorien unter dem Schutze des Kaisers einge-
nommen hatte, setzte sie allerdings in den Stand, sich dem neuen
Landrechte, welches die Landesherrn für ihre Territorien schufen, zu
entziehen. Aber das imxerium der Einzelnen, worauf die Verthei-
diger der ritterschaftlichen Autonomie sich beriefen, war zu schwach
und das consortium Aller, welches man zur Hülfe nahm, zu wenig
ausgebildet, als daß ein den Ansprüchen des unmittelbaren Reichs-
adels, der nobilitas immediata und illustris, wie sich fetzt die
Reichsritterschaft benannte, ohne Anstand sich hätte entwickeln kön-
nen. Zunächst handelte es sich um zwei Hauptpfeiler des reichs-
fürstlichen Privatrechts, welche im ritterschaftlichen Privatrecht ein-
geführt oder feftgehalten werden sollten: den Grundsatz der Eben-
bürtigkeit im Familienrecht und den Vorzug des Mannsstamms im
Erbrecht. Beide Grundsätze wurden für so wichtig gehalten und
hatten eine solche politische Bedeutung, daß das Bestreben, sie zur
Anerkennung zu bringen, wenigstens bei der schwäbischen Ritter-
schaft, Hand in Hand gieng mit den Versuchen einer verbesserten
Organisation der Ritterschaft.

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