Full text: Volume (Bd. 2 (1892))

29. Abhandlungen

29.1. Bernhard Windscheid [gestorben]

6?ä

Bernhard Windscheid f.
Kaum war die Trailerkunde von Jhering's Ableben verklungen, als ein
neuer Schlag unsere Wissenschaft traf. Welche Lücken hat die diesmalige Ferien-
zeit im Deutschen Iuristenstand gerissen! Rudolf von Jhering und Bernhard
Windscheid fehlen auf dem Lehrplane des neuen Semesters; wie können solche
Lücken ausgefüllt werden? Noch nicht 6 Wochen später, als jener, starb auch
Windscheid, am 25. Oktober, und die stattliche Beerdigungsfeierlichkeit in der Uni-
versitätskirche, bei welcher Uiliversität und Stadt reich vertreten waren, zeugte von
der Bedeutung des Entschlafenen und von ungewöhnlicher Theilnahme weitester
Kreise; die Juristenfakultäten Halle, Jena und Göttingen waren durch Abgesandte
vertreten, andere Juristcnfakultäten, auch die Universität München, wo Windscheid
vor Leipzig ani längsten Lehrer gewesen, hatten Zeichen ehrender Theilnahme
gesendet.
In den zwei Namen faßt sich ein ganzes großes Stück unserer deutschen
Rechtswissenschaft zusammen, und wir würden vergeblich nach zwei anderen Namen
ausschauen, von welchen dasselbe mit gleichem Recht gesagt werden könnte.
Die gleichaltrigen Zeitgenossen waren auch Freunde im Leben, und sie blieben
es trotz verschiedener Geistesrichtung und verschiedener Methode, trotz der scharfen
Gegensätze der Meinung, die sich namentlich in den letzten Jahren in wichtigen
Punkten der Ncchtslehre zeigten. Als vor wenigen Jahren einmal Jhering von
Göttingen aus seinem alten Freund Windscheid zum Geburtstag zu gratuliren ge-
kommen war und bei dieser Gelegenheit die Pandektenvorlesung desselben besuchte,
ereignete sich die seltene akademische Scene, daß der Lehrer auf den unter der Zu-
hörerschaft bestndlichen Gast aufmerksam machte, und der Angeredete sich zu einer
Gegenansprache erhob. Dieser persönliche Verkehr der beiden gleichberühmten'
Rechtslehrer verfehlte seines .Eindrucks auf den großen Kreis der jugendlichen Zu-
hörer, wie man sich denken kann, nicht, denn was packt den gebildeten Jüngling
mehr, als die zur Person gewordene Lehre? Auch das Packende, was Windschcid's
Kathedervortrag hatte, lag in dem stark persönlichen Gepräge, welches er jederzeit
seiner Lehre verlieh. In seiner Rede bis in die einzelne Wendung lag seine Per-
sönlichkeit ausgeprägt; Alles, was er sagte, ward interessant durch das, wie er
es sagte. Der Vortrag war durch und durch individuell, er belebte auch den ge-
wöhnlichsten Stoff mit besonderem Hauch. Das Docentenscepter Savigny's schien
in Windscheid wiedergefuyden zu sein,
Archiv für Bürgerl. Recht u. Prozeß. II.

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