Full text: Volume (Bd. 2 (1892))

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Rudolf von Jhering f.

Collegen wie dankbaren Schülern bewahrte er ein allezeit offenes Herz. Es kamen
hypochondrische Stimmungen über ihn, er gerieth in wissenschaftliche Fehden, aber
die nie schlummernde Liebenswürdigkeit und Gewalt seines Temperaments stellte
immer bald das Gleichgewicht seiner die verschiede,lsten Naturen fesselnden Kräfte
und Gaben her. Die Fülle der Freunde unter Alt und Jung -schien ihm wie
Luft und Licht ein Lebensbedürsniß zu sein, denn er bedurfte für die kräftigen
Töne seiner Schöpfungen einen breiten und dankbaren Resonanzboden.
Wenn ich nun aber in den Bereich seiner Hauptschriften, die ihm in der
engeren Juristenwelt einen unvergänglichen Namen machten, eintrcte, so geht mein
Urtheil nicht so leicht wie bisher von den Lippen. Ich sprach es am Sarge aus,
daß, wenn auch Mancher zuvor über Jhering gesprochen, Jeder immer noch Etwas
von sich aus hinzuzufügen findet. Wer so viele Seiten, wie Jhering bietet, wird
nie allseitig auf ein Mal begriffen, und so werden denn Viele zu dem, was ich
hier weiter sagen will, Manches hinzuzufügen, Anderes zu tadeln oder besser zu
sagen wissen, und überhaupt wird erst eine kommende Generation das abschließende
Urtheil fällen.
Jhering's vornehmstes Werk ist sein „Geist des röm. Rechts auf den ver-
schiedenen Stufen seiner Entwickelung" in 3 Theilen zu 4 Bänden, begonnen im
Jahre 1852, in 3. Auflage 1877, (Bd. 3 Abth. 1), ein Werk ganz neuer, und
eigner Art, zugleich historisch und spekulativ, aber keines von beiden recht. Es
ist eine Fundgrube neuer Gedanken und hat unserer Wissenschaft einen neuen Kurs
gegeben.
Wenn ich sage, das Werk sei zugleich historisch und spekulativ, so meine ich
dies: Jhering sucht im Rahmen des Römerrechts die allgemeinen Grundbedingungen
des rechtsgeschichtlichsn Werdens auf, und die Früchte seines philosophischen Nach-
denkens wachsen in ihm zusammen mit der Errungenschaft der historischen Schule,
aus welcher der Autor hervorgegangen war. Historische Forschung und philo-
sophische Spekulation ringen darin nach Einheit. Aber freilich: jedes von beiden
mußte in diesem Kampfe Haare lassen, keines kommt zur rechten Geltung: der erste
Band ist ein Schauplatz des Kampfes unvermittelter und nicht zur Ruhe kommender
Gegensätze. Ich halte darum auch den 1. Band für den unvollkommensten Theil
der großen Arbeit, mit deren Fortschreiten erst der Autor zum Meister erwuchs. Die
folgenden Bände wurden immer specifischer juristisch, und im engeren Rahmen
nun erstarkte Jhering zur Vollkraft, weil er nun sein eignes Gebiet gefunden oder
richtiger: sich geschaffen hatte. Seine Darlegung der juristischen Technik erschließt
uns eine Welt neuer Gesichtspunkte; kein neuerer Jurist, der nicht aus ihm ge-
lernt und immer von Neuem an dem reichen Born sich gelabt hätte.
Aber ich sage auch: diese Arbeit ist weder historisch, noch spekulativ. Der
exakte Historiker wird darin die nüchterne Strenge historischer Einzelforschung,
welche vom festen Boden in die freie Luft aufsteigt, der weitblickende Philosoph
den ungebundenen Schwung spekulativer Weltanschauung vermissen, denn Jhering

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