Full text: Volume (Bd. 2 (1892))

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Dreyer, Das Differenzgeschäft.

suchen und zu diesem Zwecke ein Depot, einzusenden. und letzteres würde ohne
weitere Aeußerung geschickt, oder, wenn umgekehrt dem Bankier Papiere als Depot
mit der Aufforderung zu Einkäufen und Verkäufen, jedoch mit einer Verwahrung
gegen Abnahme oder Lieferung geschickt würden und der Bankier darauf hin ohne
Weiteres Börsenoperationen einleitete. Dieser einfache Thatbestand liegt aber selten
vor, sondern in der Regel wird es sich nicht sowohl um einzelne facta conclu-
dentia als vielmehr darum handeln, aus einer Gesammtheit von Umständen,
unter welchen die Handlungen vorgenommen und fortgesetzt worden sind,
einen Schluß auf den Willen zu ziehen, welchen die Handelnden allein gehabt
haben können. Es gilt mehr die Umstände, welche , die Handlungen in das
wahre Licht stellen, als letztere selbst zu würdigen. Der Richter befindet sich
auf dem Gebiete der Vertragsauslegung; bei dieser ist aber die Gesammt-
heit der Umstände zu berücksichtigen, unter, welchen das Rechtsgeschäft abgeschlossen
wurde.28)
Als Thatsachen, aus welchen aus den Willen, ein Spielgeschäft einzugehen,
zu schließen ist, können aus der Erfahrung vorzugsweise folgende hervorgehoben
werden:
1. Die Vermögenslage und der Beruf des angeblichen Käufers oder Ver-
käufers. Wenn, um hier, wie im Folgenden, Beispiele aus der Erfahrung zu ge-
brauchen, ein Klient, dessen ganzes Vermögen etwa in 20,000 M. besteht, für
eine Million Effekten kauft oder verkauft, wenn ein Privatmann, welcher niemals
Handel getrieben hat, Hunderte von Tonnen Roggen, oder eine Menge Spiritus
aufTermin handelt, so wird der Schluß nahe liegen, daß Lieferung oder Abnahme
nicht gewollt sein können und nicht gewollt sind. Gestaltet sich im ersten Beispiele
der Kurs um 2 % zum Nachtheile des Spekulanten, so hat er seine ganze Habe
auf eine Karte gesetzt und verloren. Man pflegt, gegen diese Vermuthung zwei
Argumente geltend.zu machen: einmal die Möglichkeit, daß das Geld zur An-
schaffung oder Lieferung durch Aufnahme von Darleihen werde aufgebracht werden.
Aber wo soll der Unvorsichtige sein, welcher einem solchen Manne eine Million
Kredit gewährt und zwar zu unfruchtbarer Spekulation? Sodann verweist man
auf die mehrerwähnte Abwickelung' durch Skontration am Stichtage, nach welcher
dem Verkaufe ein anderer Kauf, dem Kaufe ein anderer Verkauf gegenübertrete,
diese Kompensation aber der thatsächlichen Lieferung rechtlich gleich zu achten sei.
In Wirklichkeit vollzieht sich aber diese sog. Abrechnung zwischen einer Kette von
Spielern, von denen keiner je Effekten, Roggen oder Spiritus zu Gesicht bekommt.
Möglich ist, daß der Bankier sich über die Vermögenslage seines Klienten im Jrr-
thum befunden habe. Erfahrungsgemäß erkundigt sich aber der vorsichtige Ge-
schäftsmann über die Bermögensverhältnisse seines Gegenkontrahenten und zwar
um so mehr; je umfangreicher das abzuwickelnde Geschäft ist. Auch die Thatsache
Vergl. z. B. Wnidscheid I. 8 84. -

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