Volltext: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 8 (1898))

642 Otto, Das Nacht dar Schnldvarhältuissc dcZ Bürgerliche» Gesetzbuchs.
was Ihnen das Gruseln des Befremdens, das Unbehagen des völlig Neuen
erregen könnte. Neu ist allenfalls die Schuldübernahme in dem Sinne, in dem
sie das neue Gesetzbuch kennt. Sonst treffen Sie lauter alte Bekannte. Das
neue Forderungenrecht ist der letzte Niederschlag des römischen Obligationenrechts,
so wie sich dieses seit der Aufnahme in Deutschland fort- und herausgebildet hat.
In weit geringerem Maße als in den anderen Rechtsgebieten hat es sich hier für
den Gesetzgeber um Neuschöpfungen gehandelt, vielmehr bei Aufrechterhaltung der
überlieferten Grundgedanken, um allseitige Klärung des Stoffes, um Ausscheidung
des Veralteten und Entbehrlichen, um Anpassung an die eigenthümlich modernen
Verhältnisse und zwar an die Bedürfnisse des kleinen Verkehrs nicht minder als
an die des großen, nationalen und internationalen Handels, denn es sind zugleich
Sätze, die bisher dem Handelsrecht angehörten, in größerer Zahl in das allge-
meine bürgerliche Recht herübcrgcnommcn worden. So wird das Recht der Schuld-
verhältnisse, um mit dem bekannten Berliner Germanisten zu reden, die vor allem
aus seinem Obligationenrechte beruhende weltgeschichtliche Größe des römischen
Rechts fortleben lassen und ich empfinde das Bedürfniß, darüber nicht zu schweigen,
um so mehr, weil sich jetzt die Presse, die bedeutende wie die Winkel-Presse, in
naiver Unkenntniß gar zu häufig darin gefällt, auch das römische Forderungenrecht
als einen Ausbund von Unsinn und Beschränktheit in den Staub zu ziehen.
Ueber den Ursprung der Schuldverhältnisse enthält das neue Recht keine
allgemeine Bestimmung. Noch viel weniger enthält es eine Eintheilung der
Schuldvcrhältnisse. Der Wissenschaft bleibt freier Raum. Negativ möchte nur
hervorgehoben werden, daß eine Kapitalforderung niemals, wie es nach preußischem
Landrecht der Fall ist, durch Ersitzung, durch 30 jährige Zinszahlung, begründet
werden kann.
Für uns ist vorerst etwas Anderes von Wichtigkeit. Der allgemeine Theil
des Rechts der Schuldverhältnisse hat für alle Schuldverhältnisse Geltung, gleich-
viel auf welchem Entstehungsgrunde sie beruhen. Seine Tragweite umfaßt sogar
noch mehr. Das Recht der Schuldverhältnisse liegt nicht abgeschlossen im 2. Buche
des Gesetzbuches vor, cs durchdringt das ganze Privatrecht. Aus dem Sachenrecht
haben Sie z. B. die Forderung des Eigenlhümers auf Herausgabe der verzehrten
Früchte, aus dem Familienrecht die Forderung der Frau gegen den Mann auf
Ersatz verbrauchter Kapitalien, aus dem Erbrecht die Forderung des Nacherben
(wir sagen jetzt: des Erbanwärters) auf Herausgabe der Erbschaft. Alle diese
Forderungen, sie mögen geregelt sein, in welchem Buche sie wollen, unterstehen
den Vorschriften der sechs ersten Abschnitte des 2. Buches. In Sachsen verdient
diese Tragweite des Forderungenrechts besonders betont zu werden. Denn der all-
gemeine Theil unseres Forderungenrechtes ist nicht ohne weiteres anwendbar auf
Forderungen, die auf sachenrechtlicher oder familsenrechtlicher Grundlage fußen. Bei-
spielsweise werden bei uns die Sätze über den Verzug des Schuldners nicht Platz greifen,
wenn mit der Eigenthumsklage Herausgabe der Sache und Ersatz der verzehrten
Früchte verlangt wird. Nicht betroffen von dem neuen Rechte werden dagegen die dem

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