Full text: Volume (Bd. 8 (1898))

13. Abhandlungen

13.1. Wirkungen des Besitzes

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Abhandlungen.
Wirkungen des Besitzes.
Sechster Vortrag des Justizraths Or. Grützmann in Dresden.
Meine hochverehrten Herren!
Der heutige Vortrag soll sich auf Wirkungen des Besitzes beziehen. Ich
gehe also nicht den herkömmlichen Gang. Ich fange nicht an beim Begriffe des
Besitzes, um dann Arten, Erwerb und Verlust zu erörtern und endlich auf die Wir-
kungen des Besitzes zu kommen. Es scheint mir vielmehr dem Zweck deS heutigen
Vortrags entsprechender, sogleich mit den Wirkungen deS Besitzes zu beginnen. Doch
will ich nicht über alle Wirkungen deS Besitzes sprechen, sondern nur über einige.
Ich rede zunächst vom Schutze des Besitzes.
Ich darf einige Bemerkungen über den Grund des Besitzschutzes voraus-
schicken.
Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, wie lebhaft die Meinungsverschieden-
heiten sind, die in der Literatur hierüber bestehen. Einige haben gemeint, der
Besitz werde gegen eigenmächtige Eingriffe deshalb geschützt, weil der Einzelwille
sich nicht über einen andern Einzelwillen erheben dürfe. Andere erklären den Be-
sitzesschutz aus der Unzulässigkeit der Sclbsthülfe. Wieder Andere sehen in dem
Besitzesschutz eine Ergänzung deS Eigenthumsschutzes; der Besitzer werde deshalb
geschützt, weil er vermuthlich der Eigenthümer sei. Bei der Abfassung des deutschen
Gesetzbuchs ist keiner dieser Gedanken leitend gewesen. Man hat vielmehr mit
dem Besitzesschutz ein ähnliches Bedürfniß befriedigen wollen, wie mit den einst-
weiligen Verfügungen. Man hat erwogen, es müsse während eines Streites über
eine Sache vorläufig feststehen, wer zunächst über die Sache herrschen dürfe. Die
Entscheidung hierüber müsse, damit sie rasch getroffen werden könne, an etwas
Aeußerliches, leicht Erkennbares geknüpft werden. Dieses Aeußerliche, leicht Er-
kennbare sei der Besitz. Von diesem Standpunkte aus mußte man zu der Folge-
rung gelangen, daß das Bedürfniß nach Besitzesschutz wegfalle, wenn über das
Recht selbst rechtskräftig entschieden ist; denn dann bedarf es nicht mehr einer
vorläufigen Entscheidung. Das nimmt auch schon die gemeinrechtliche Praxis an,
wenigstens die Praxis des Qberappellationsgerichts Jena (Seüffert's Archiv,
Bd. 5 Nr. 66; Bd. 6 Nr. 90); und das deutsche Gesetzbuch sagt ausdrücklich
Archi» für Mrg-rl. R-cht u. Pr»,ch. VIII. St

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