Full text: Volume (4 (1914))

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Literatur.

der Kirche sind erkennbar: die eine schließt sich von der Welt ab
(Askese, Mönchtum); die andere findet sich, weil sie in der Welt leben
muß, mit den weltlichen Dingen als Folgen der gemeinsamen Sünde
ab, denen der Christ sich beugen müsse. Einerseits also grundsätzliche
Verwertung der Welt und des Staates als eines Erzeugnisses der Sünde,
anderseits weitgehende Anerkennung der Welt und ihrer Ordnungen;
aber Kirche und Staat zwei innerlich wesensgetrennte und durch diese
Wesensgetrenntheit an einer gegenseitigen Durchdringung gehinderte
Größen (8. 152). Für die Frage nach der Geltung und verpflichtenden
Kraft der Gesetze, insbesondere der gegen das Christentum gerichteten
Kaisergesetze eigneten sich die Christen die stoische Lehre vom Natur-
rechte an, die sich ihnen geradezu als eine christliche Lehre darstellen
mußte. Die Stoiker betrachteten das positive Recht als Ausfluß des
aus der göttlichen Natur fließenden Naturgesetzes und schrieben daher
jenem nur insoweit Geltung und verpflichtende Kraft zu, als es mit
dem Naturgesetz übereinstimmte. Somit war in der Rezeption der
stoischen Naturrechtslehre das Auskunftsmittel gegeben, um den Wider-
stand gegen die christenfeindlichen Gesetze zu rechtfertigen. Und wie
die Stoa den Gegensatz zwischen dem Bestehenden und ihrem natur-
rechtlichen Ideal dadurch zu erklären suchte, daß sie ein ursprüng-
liches goldenes Zeitalter und eine von ihm abgefallene Folgezeit unter-
schied, haben die christlichen Lehrer jene Unterscheidung nur ver-
christlicht, indem sie den bestehenden Zustand als einen Abfall vom
biblischen Urständ, als Folge der Sünde erklärten. Der Staat ist also
eine Folge der Sünde, aber zugleich durch seinen Rechts- und Zwangs-
Charakter ein Heilmittel, eine Organisation gegen die Sünde. Während
die Stoa und die römischen Juristen die Gewalt des Kaisers aus der
Übertragung der Volksrechte auf den Princeps erklären, kommt da-
gegen in christlichen Kreisen die theokratische Auffassung, das Gottes-
gnadentum des Kaisers zum Durchbruch. Diese Auffassung ermöglichte
es dann, das Kaisertum in den Dienst der Religion und der Kirche zu
stellen, die Einheit ihres Dogmas und ihres Rechtes zu sichern. Von
einer einheitlichen christlichen Kultur kann gleichwohl im Altertum
nicht die Rede sein; weder tatsächlich noch im Prinzip war sie vor-
handen. Der Staat hat die Kirche in sein Ressort aufgenommen, aber
die Kirche, meint Troeltsch, ist nicht allzutief in das Gesamtleben
eingedrungen. Ob hier der Einfluß christlicher Ideen nicht doch etwas
zu niedrig eingeschätzt ist? Neuestens sagt Leopold Wenger, Das
Recht der Griechen und Römer (Die Kultur der Gegenwart II 7, 1 8.180,
vgl. auch ebenda 8. 297 unten) über den Einfluß des Christentums und
seiner Ideen auf das justinianische Gesetzgebungswerk: „Nächstenliebe
und Altruismus treten zwar leisen, aber sicheren Schrittes in das ihnen
verschlossene Gebiet des römischen egoistischen Rechts.“
Im zweiten Kapitel „Der mittelalterliche Katholizismus“ zeigt T.,
»wie die das Altertum charakterisierende Fremdheit von Kirche und Welt
sich verlor und einer gegenseitigen inneren Durchdringung Platz machte
und aus alledem das Ideal einer internationalen allumfassenden kirch-

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