Full text: Volume (4 (1914))

Literatur.

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dem monumentalen Werke aufgestapelt ist, an der Theologie, Juris-
prudenz und Soziologie gleichermaßen beteiligt sind, wie in der Arbeit,
so im Gewinn.
Dem Zwecke dieser Zeitschrift entsprechend wird der Referent
sich darauf beschränken, aus dem Buche das herauszuheben, was den
kirchlichen Rechtshistoriker angeht: das jeweilige Verhältnis der christ-
lichen Kirchen und Gruppen zum Staate. Der Wert dieser uns inter-
essierenden Ausführungen liegt in der Einordnung des Problems „Kirche
und Staat“ in den dogmengeschichtlichen und allgemeinkulturellen
Entwicklungsgang.
Im ersten Kapitel behandelt T. die Grundlagen in der alten
Kirche, im Evangelium, bei Paulus und im Frühkatholizismus. Das
Aufkommen des Christentums ist nicht, wie manche wollen, aus einer
sozialen Bewegung zu erklären; es handelt sich nicht um eine Klassen-
bewegung des Proletariats, sondern um eine wesentlich religiöse Be-
wegung, der es um die Fragen des Seelenheils zu tun ist. Vom Staate
ist bei Jesus und im Evangelium nicht die Rede; die jüdischen Aspi-
rationen werden abgelehnt, der Staat der Römer als zu Recht bestehend
anerkannt. Aus dem Christusglauben entsteht ein neuer Kult, eine
neue Religionsgemeinschaft, die durch Paulus zur Weltkirche sich aus-
wächst. Auch die paulinische Weltkirche verhält sich zum Staate
keineswegs ablehnend; sie erkennt den Staat als Gottes Zulassung an;
das Imperium trägt das Schwert mit Gottes Willen und aus Gottes
Ordnung. Nur daß die Christen die staatlichen Justizbehörden nicht
benützen, ihre Streitigkeiten vor der christlichen Gemeinde oder vor
Schiedsrichtern austragen, den Verkehr mit den Heiden meiden, von
gewissen Gewerben und Berufen sich fernhalten sollen. Ist so auf der
einen Seite der konservative Charakter des Christentums gegenüber
allem politisch-sozialen Wesen zu betonen, so ist doch auf der andern
Seite eine revolutionäre Wirkung nicht ausgeblieben: „es hat., den
römischen Staat zerstört, indem es die Seelen seinen Idealen ent-
fremdete . .. Die konservative Haltung beruhte eben nicht auf Liebe
und Schätzung für die Institutionen, sondern auf einer Mischung von
Verachtung, Ergebung und relativer Anerkennung“ (S. 72). Neben den
konservativen wirken die radikalen Elemente der christlichen Idee,
welche alles auf die innere Erneuerung und die jenseitige Vollendung
einstellen, die sozialen Institutionen „zu benützbaren Stützpunkten,
aber doch nur zu duldenden und innerlich fremden Provisorien macht“
(8. 74).
Der Frühkatholizismus charakterisiert sich durch das Auseinander-
treten von Kirche und Welt. Durch die Ausbildung einer kirchlichen
Verfassung schließt sich die junge Welt des Heils zu einer organi-
sierten Einheit zusammen. Ihr steht gegenüber „die Welt“ schlecht-
hin, das „Reich der Welt“, d. i. „der Sünde und des Fleisches“. Staat,
Gesellschaft, Welt sind hierbei identische Begriffe. Das römische Reich
ist die „Welt“, der den Kaiserkult fordernde, die Christen verfolgende
Imperator ist der „Fürst dieser Welt“. Zwei Richtungen innerhalb

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