Full text: Volume (4 (1914))

Die Entwicklung der Basler Kirchenverfassung.

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So blieb den Katholiken auch der Schutz der Bundes-
verfassung versagt, wenigstens dem Buchstaben nach; daß
die bestehende Ordnung aber gegen ihren Geist, gegen den
Grundsatz wahrer Parität verstoße, das wurde von allen
Seiten, nicht zuletzt von der Regierung selber, zugegeben.
Neben den verfassungsrechtlichen Gründen, die nach
ihrer Auffassung von vornherein der Ausrichtung einer
finanziellen Beihilfe an die Katholiken entgegenstanden,
führte die Regierung noch allgemeine Gründe an, die,
selbst wenn durch Verfassungsänderung die rechtliche
Möglichkeit geschaffen würde, doch die Subventionierung
anderer als landeskirchlicher Religionsgenossenschaften als
untunlich erscheinen ließen.
Vor allem beachtenswert ist die Erwägung, daß dadurch
die außerlandeskirchlichen, aber vom Staate unterstützten
Religionsverbände im Vergleich zu den Landeskirchen
viel zu gut gestellt würden; sie hätten zwar die Wohltat
finanzieller Beihilfe, aber nicht den Zwang staatlicher
Oberaufsicht. Durch immer weitergehende Berücksichti-
gung solcher Religionsgenossenschaften würden schließlich
für die Landeskirchen selber die Mittel nicht mehr reichen.
„Wenn einmal jener Notstand eingetreten sein wird, dann
werden unsere Landeskirchen die Doppelspurigkeit unseres
Kirchenwesens, die mit Subventionierung freier Gemein-
schaften geschaffen wurde, aufs schmerzlichste empfinden:
dort freie Kirchen mit eigenem Selbstbestimmungsrecht,
vom Staat weitherzig unterstützt; sie selber staatszugehörig,
unselbständig, aber vom Staate verkürzt.“1)
Daneben wird gegen das Subventionierungssystem
eingewendet, konsequenterweise müßten dann alle außer-
landeskirchlichen Religionsgemeinschaften unterstützt wer-
den. Praktischerweise könnten allerdings nur stärkere
religiöse Verbände berücksichtigt werden, und da sei es
schwer, die Grenze zu ziehen. Wollte man nur diejenigen
kirchlichen Gemeinschaften bezugsberechtigt erklären, deren
Mitgliederzahl eine bestimmte Minimalquote der Gesamt-
bevölkerung ausmachte, so könnte das „zu widriger Zahlen-
wut, Massenwerbungen und Seelenjagden führen, jede Mit-

Bericht des Regierungsrates vom 13. September 1906 S. 43.

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