Full text: Volume (7 (1917))

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Ludwig Kaas,

als Nutzen zu erwarten sei, habe er sich am 1. Mai mit
einer Verwahrung zugunsten der Rechte des Domkapitels
an den Fürstprimas gewandt. Er sei bis dahin aber noch
ohne Antwort geblieben.
Die Darstellung, welche Graf Kesselstadt von den Auf-
fassungen und dem Vorgehen Nassaus entwarf, entsprach
nur zu sehr den Tatsachen. Nassaus Sedisvakanz-
politik hatte im Vergleich zu der des Jahres 1812 einen
Frontwechsel vollzogen, dessen Schroffheit und Willkür
überraschen müßten, wenn sie nicht in politischen Inter-
essen ihre Erklärung fänden.
Bei der Sedisvakanz des Jahres 1812, wo noch der
ganze rechtsrheinische Sprengel unter seiner Herrschaft
stand, hatte Nassau anstandslos die Bevollmächtigung Becks
durch das Trierer Domkapitel hingenommen. Den recht-
lichen Fortbestand und damit das Ernennungsrecht des
Kapitels anzuzweifeln, war ihm nicht in den Sinn gekommen.
Man hatte nur eifersüchtig darüber gewacht, daß der Primas
von Dalberg, der als Landesherr und besonderer Günstling
Napoleons ein unter Umständen gefährlicher Nachbar wer-
den konnte, jede Einmischung in die kirchlichen Angelegen-
heiten des Herzogtums unterlasse. Diese Politik des Miß-
trauens gegen den Primas war jetzt durch die Ereignisse
überholt. Dalberg hatte politisch ausgespielt. Man brauchte
ihn nicht mehr zu fürchten. Die Gefahr drohte nun von
einer andern Seite. Überließ man dem Domkapitel bzw.
Kesselstadt die Bestallung des Vikars, so war zu befürchten,
daß die Wahl auf einen Nichtnassauer, höchstwahrschein-
lich auf den Ehrenbreitsteiner Pfarrer fallen werde. Das
mußte unter allen Umständen verhütet und das Vikariat für
Limburg gerettet werden. In der Anwendung seiner Mittel
zeigte sich Nassau nicht gerade wählerisch. Immerhin war
man feinfühlend und unehrlich genug, die politischen Gründe
zu verschleiern, und kirchenrechtliche in den Vordergrund
zu schieben.
Ein brauchbarer Vorwand war bald gefunden: man
erklärte das Trierer Domkapitel für aufgelöst und
damit auch das Wahlrecht der noch lebenden Mitglieder
für hinfällig.

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