Full text: Volume (1 (1911))

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Albert Werminghoff,

Stellung zu behaupten, bis auch ihn die größte Säkularisation
im Verlauf der deutschen Geschichte, die um die Wende des
18. und 19. Jahrhunderts, aus Besitz und Macht verdrängte:
sie durfte einzig und allein das Interesse des weltlichen
Staates und seiner in der Untertanenschaft gleich gestellten
Bevölkerung kennen, wollte sie nicht den Gang der Geschichte
selbst zur Umkehr zwingen. Indem sie aber den Adel aus
dem Gefüge der Kirche hinwegfegte, vollendete sie was im
11. Jahrhundert sich angebahnt hatte, die Zusammensetzung des
Klerus aus allen Schichten, freilich unter vorwaltendem Einfluß
der Kreise, die bislang von der Hierarchie so gut wie aus-
geschlossen gewesen waren. Dem neuen Episkopat und dem
neuen Klerus fehlte der Rückhalt an einer untereinander ver-
sippten, ihrer selbst sich bewußten Aristokratie, die noch in den
Tagen der Emser Punktation sich geregt hatte. Solange der
Sraat eingreift, urteilt G. Anrich1), erscheinen sie im Allge-
meinen leicht lenkbar, weil sie sich rascher als die alten
stolzen Aristokraten in das Räderwerk der staatlichen Bureau-
kratie einordnen; „sobald indeß der eigentlich kirchliche
Geist wieder eine Macht und die Kirche wieder zur ecclesia
militans geworden sein wird, die um Unabhängigkeit und
Herrschaft kämpft, dann werden diese zumeist aus streng
kirchlichen Kreisen hervorgehenden Bischöfe, die vielleicht
ihre ganze Bildung und Weltanschauung dem Priesterseminar
verdanken, mit ganz anderem Ernst und Ausschließlichkeit
Männer der Kirche sein, weil eben die Kirche ihre geistige
Welt bildet.“ Ein deutscher Adliger war es, der Papst Pius IX.
durch einen Eußfall von der Verkündigung des Unfehlbar-
keitdogmas zurückzuhalten suchte, Wilhelm Emmanuel von
Ketteier, jener „deutsche Prälat mit dem aristokratischen Be-
wußtsein des westphälischen Edelmanns und mit dem
hierarchischen Gefühl des Bischofs von Mainz, des Nachfolgers
der alten Reichserzkanzler“2) —, der deutsche Episkopat
der Gegenwart gehorcht mit eifernder Unterwürfigkeit den
Befehlen seines Gebieters jenseits der Alpen. — —
(Rostock 1871), 8. 62fl'. CI. Perthes, Das deutsche Staatsleben vor
der Revolution (Hamburg und Gotha 1845), 8. 102ff.
*) G. Anrich, Der moderne Ultramontanismus in seiner Entstehung
und Entwicklung (Tübingen 1909), S. 14. — -) K. Hase, Handbuch der
protestantischen Polemik5 (Leipzig 1890), 8. 223.

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