Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (1 (1911))

Literatur.

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Der Verfasser bemerkt richtig, daß die alte Trauung allmählich
verschwand. Daß an ihre Stelle die sog. Trauung durch den Dritten
oder vor dem Fürsprech rückte, scheint ihm unbekannt zu sein. Daß die
kirchliche Trauungszeremonie zunächst an den Kirchgang angeknüpft
hätte, läßt sich nicht allgemein behaupten. Hier spielt die Entwick-
lung der Laientrauung herein, welche vom Verfasser für die Frage der
allmählich sich durchsetzenden pfarrrechtlichen Mitwirkung und für
die nicht völlig zutreffende Beurteilung des trident. Ehedekrets über-
sehen wird.
Im dritten Abschnitt, der das erforderliche Alter für Verlobung
und Eheschließung bespricht, vermissen wir Bezugnahme auf die ein-
schlägigen Ausführungen Fickers (Mitt. Inst. öst. Gesch. IV) über die
bei Fürstenehen unter Unmündigen zur Geltung kommenden Anschau-
ungen. Auch auf andere einschlägige Literatur wäre für die richtige
Erkenntnis der kirchlichen Beurteilung solcher Ehen einzugehen ge-
wesen.
Im vierten Abschnitte sucht der Verfasser die güterrechtlichen
Bestimmungen für fürstliche Ehen darzulegen. Von Interesse ist, daß
die „Mitgift“ Ersatz wurde für die durch Verzicht verlorene Erbberechti-
gung. Hier haben wir es entschieden mit einem sonderrechtlichen Ent-
wicklungsergebnis zu tun, die Frage hätte daher eingehendere Be-
handlung verdient. Auch vermissen wir eine, wenn auch nur ober-
flächliche Besprechung des Verhältnisses der Morgengabe zu dem
allmählich auf fürstliche Verbindungen sich beschränkenden Begriffe
der morganatischen Ehe. Der zwischen Widum und Morgengabe er-
folgten Verschmelzung, der gesetzlichen Morgengabe des Bitterstandes
seit dem 13. Jahrh., der Umbildung des Wittums zur Widerlage im
österreich-bayrischen Rechte sowie der verschiedenen güterrechtlichen
Systeme wäre bei Besprechung der einzelnen fürstlichen Dotalkontrakte
zu gedenken gewesen.
Was im fünften Abschnitte über die Ehescheidung gesagt ist,
bietet wenig Neues. Doch ist einzelnes zu berichtigen. Das allmähliche
Eingreifen der Kirche bei Ehetrennungen war bereits Folge der gewon-
nenen Jurisdiktion in Ehesachen. Daß die Entscheidung Innocenz’ VIII.,
welche die Ehe des Herzogs Renatus v. Lothringen wegen Impotenz
aufhob, nicht als Ehetrennung bezeichnet werden kann, wurde schon
oben erwähnt. Unrichtig ist auch, daß die Auflösung der nicht kon-
summierten Ehe durch Ordensgelübde oder durch den Papst erst im
Trienter Konzil normiert worden sei. Hat ersteres schon Alexander III.
anerkannt, so pflegt man letztere von den Glossatoren vertretene
Praxis meist auf Martin V. zurückzuführen.
Über diesen Mängeln sei billigerweise nicht übersehen, daß der
Verfasser über entsprechende Begabung und gewandten Stil verfügt
und viel Fleiß aufgewendet hat, um sein Thema zu lösen. Die ange-
führten Ergebnisse ließen sich leicht erweitern. In diesem Sinne wün-
schen wir, daß die im Vorblatte angekündigte erweiterte Ausgabe der
Arbeit (in Münstersche Beiträge H. XXVI) die angedeuteten Mängel
Zeitschrift für RechtsgescMchte. XXXII. Kan. Abt. L 27

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