Full text: Volume (1 (1911))

Literatur.

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das weibliche Geschlecht gefördert und der Hexenverfolgung großen
Vorschub geleistet haben.
Eine interessante Tatsache ist, daß die Schilderung der Schlechtig-
keit des Weibes im Hexenhammer nicht selbständig, sondern in der
Hauptsache dem Alphabet von den bösen Weibern in der mehr als
zwanzigmal gedruckten Summa theologica des Dominikaners Antonin
von Florenz, von diesem Verfasser nach seiner eigenen Angabe aber
wiederum aus den Lectiones super Ecclesiasten eines anderen Domini-
kaners, des Johannes Dominici, entlehnt ist. Dieser Nachweis (ebenso
wie der der Benutzung Niders) ist von dem Finnen Hjalmar Crohns
(Die Summa theologica des Antonin v. Florenz und die Schätzung des
Weibes im Hexenhammer; Acta societatis scientiarum Fennicae, T. 32,
Nr. 4, Helsingfors 1908; vgl. auch von demselben Verfasser: Zwei
Förderer des Hexenwahns und ihre Ehrenrettung durch die ultramontane
Wissenschaft. Stuttgart 1905) erbracht worden und dies ist P. nicht
unbekannt geblieben; denn in der Diskussion, die sich über die Frage
entspann, ob sich die Schilderung auf das Weib im allgemeinen oder
nur auf die bösen Weiber beziehe, hat auch er das Wort ergriffen und
gegen Crohns polemisirt. P. erwähnt die „sehr ausgiebige Verwertung44
Antonins, erwähnt aber nicht, daß Crohns diesen Nachweis zuerst er-
bracht hat.
12. Die „Einmauerung44 der Hexen in Rom (muro claudi) bedeutete,
wie P. ausführt (wie übrigens auch schon in meiner Gesch. der Hexen-
prozesse in Baiern S. 267 steht), nichts anderes als Gefängnisstrafe, wie
noch heute die französische Sprache den Ausdruck kennt: enfermer
quelqu’ un entre quatre murailles. In der letzten Studie endlich: Rom
und die Blütezeit der Hexenprozesse wird die auffällige Tatsache, daß
in Rom nur wenige Hexen verbrannt wurden, damit erklärt, daß die
römische Inquisition bei ihrem Vorgehen gegen die Hexen andere
Grundsätze befolgte als die deutschen Hexenrichter. Die reumütigen und
nicht rückfälligen Hexen wurden von der Inquisition nur mit Gefängnis
bestraft. Der sogenannte „lebenslängliche44 Kerker währte tatsächlich
doch oft nur kurze Zeit. Eine große Milderung bedeutete der Erlaß
Gregors XV. von 1623. Er hatte zunächst Italien, nicht Deutschland
im Auge, wurde aber von einer Kölner Diözesansynode 1662 wiederholt.
Die öfter besprochene römische Instruktion, welche verschiedene Miß-
stände in der Führung der Hexenprozesse abzustellen suchte, ist nicht
erst 1657, in welchem Jahre sie gedruckt wurde, sondern schon 1635
erlassen und auch an einigen Orten in Deutschland nachgedruckt worden.
Ein Pfarrer von Einsiedeln hat sie 1661 ins Deutsche übersetzt. Dem
Buche ist ein dankenswertes Namen- und Sachregister beigegeben.
Die Einwände, die wir in manchen und gerade in wichtigeren Fragen
erheben mußten, sollen uns nicht abhalten, die Schrift als einen über-
wiegend verdienstlichen Beitrag zur Geschichte der gräßlichsten
geistigen Krankheit der Menschheit zu begrüßen.
München. Sigmund Riezler.

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