Full text: Volume (1 (1911))

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Paul A. Leder,

rechtliche Norm ist ein Grundtypus unseres sozialen Lebens.
Das katholische ins divinum ist somit nichts Besonderes. Es
steht genau auf der Höhe, welche irgendein christliches
Dogma einnimmt. Im wirklichen Bestand ist das katholische
ins divinum nichts wesentlich Merkwürdigeres als die recht-
liche Norm, welche in der Gemeinanerkennung zugleich
moralische ist.
Das kann natürlich auch ein konfessionell-orthodoxer
Standpunkt annehmen. Und es ist auch bis jetzt niemals
in Abrede gestellt worden. Eine Definition wie die nach-
folgende ist nirgend beanstandet worden: ins divinum ist
jenes Recht, welches die (normenanerkennende) Kirche als
vom göttlichen Gesetzgeber stammend, ein Verhältnis nicht
bloß zu Menschen, sondern auch zu Gott in sich schließend, an-
erkennt (Bierling). In soziologischer Beleuchtung bietet das
ius divinum nicht den geringsten Anlaß zu den Bedenken, wie
sie Harnack vorfindet. Gerade jener Forscher, der dieselben
Verhältnisse für eine Gruppe derartiger Normen — in seiner
Dogmengeschichte — nüchtern und klar dargelegt hat! Jener
Forscher, nach welchem die religiöse Gemeinschaft die Kom-
petenz besitzt, die Grenzlinie zwischen religiöser und recht-
licher Norm zu ziehen!1)
Es bleibt nur die eine Möglichkeit, daß Harnack einer
Anwandlung von konfessioneller Einseitigkeit nachgegeben
hat. Auch diese letzte Möglichkeit schwindet für die These :
in das Recht dürfen nicht religiöse Bestimmungen im eigent-
lichen Sinne anfgenommen werden. Denn auch der evange-
lische Glaube tritt unter den Gesichtspunkt des Rechts.

*) „Bei dem Bekenntnis freilich“, führt er (8. 158 f.) aus, „können
und müssen sich notwendig Konflikte ergeben, und niemand vermag
hier eine feste Demarkationslinie zu ziehen. Wo die einen sagen
werden, es handle sich um den Glauben selbst, werden andere finden,
daß es sich um eine vergängliche Form desselben handelt; wo die
einen sich durch ihr religiöses Gewissen gebunden fühlen, urteilen
andere, daß es eine Frage des Kirchenrechts sei, deren Entscheidung
durch den Glauben nicht präjudiziert ist. . . Diese Konflikte sind eine
notwendige Folge davon, daß das Christentum die Herrschaft Gottes
unter kurzsichtigen, der Erziehung bedürftigen und sündigen Menschen
bedeutet.“

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