Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (8 (1918))

Zur Geschichte und zum Verständnis des Episkopalsystems. 25
Es wird nun aber deutlich sein, was die Vertreter der
Misehlehre von Gerhard und Reinkingk an mit ihren Ent-
lehnungen aus den Stephani gewonnen haben, obwohl es
keiner von ihnen ausgesprochen, vielleicht nicht einmal be-
wußt gewollt hat. Als gute Lutheraner wissen sie, daß
durch göttliche Ordnung den christlichen Obrigkeiten die
Fürsorge für die Ausrichtung des geistlichen Dienstes,
nicht aber diese Ausrichtung selbst zusteht. Hätte sich
nun der altgläubige Teil der Reichsstände mit dem Kaiser
Gottes Wort gefügt, so wäre das bischöfliche Amt im wahren
evangelischen Sinn einfach den Trägern des evangelischen
Ministeriums zurückgegeben worden. Da das aber nicht
geschah, so blieb nur der Umweg über die Reichsstände.
Dafür bot sich die episkopalistische Lehre. Aus ihr wird
so viel, aber nicht mehr entnommen, als nötig ist, um außer
dem kirchlichen Recht der Obrigkeit auch das evangelische
Rredigtamt dem Reich gegenüber wieder sicherzustellen, daß
nämlich das Reich es den Landesherren überläßt, diese es aber
sofort wieder als etwas, was sie nicht anfassen dürfen, den Die-
nern der Kirche überlassen, so daß die göttliche Ordnung wie-
derhergestellt und zugleich reichsrechtlich gesichert ist.
Endlich aber möchte ich noch eine Wirkung hervor-
heben, die das Episkopalsystem als Ganzes, wenn ich recht
sehe, gehabt hat, ohne daß es seine Absicht gewesen wäre.
Zum ius episcopale der Landesherren A. C. gehörte auch
der ordo, d. h. die Weihegewalt. Sie schrumpft auf evan-
daß auch die päpstlichen Bischöfe solche doppelte Persönlichkeit dar-
stellen, eine weltliche und eine geistliche, so ist das offenbar die Vor-
lage, nach der Reinkingk III1, 10 § 3 geschrieben hat (vgl. oben 8. 21
zu Anm. 3 u. 4). Wenn also Reinkingk III 1, 7 § 9 S. 329 sagt, die
Visitation sei in den Ländern A. C. ius et sequela iuris territorialis
propter suspensam iurisdietionem Pontificiam (vgl. auch ,,kraft habender
landesfürstlicher Obrigkeit“ oben 8. 21), so kann ich darin nicht mit
Stintzing (und Schulte) den Beweis sehen, daß Reinkingk nicht
Episkopalist, sondern „gemäßigter Territorialist“ gewesen sei. Wie er
die Wirkung jener Suspension sonst ansieht, ist ja deutlich. Ohne
Zweifel wirkt aber allerdings auch in jenen Worten die altlutherische
Auffassung nach. Übrigens hat Carpzov auch jene Worte ,,kraft haben-
der landesfürstlicher Obrigkeit“ usw. oder vigore superioritatis in seinen
beiden Vorreden abgeschrieben. Er müßte also auch als Territorialist
in Anspruch genommen werden.

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