Full text: Volume (8 (1918))

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Literatur.

Und doch würde eine solche Betrachtungsweise der Sachlage nicht
gerecht. Um das einzusehen, wird man freilich etwas weiter ausholen
müssen.
Die Doktrin hat für die Art von Kirchenverfassungen, zu denen
die Frankfurter gehört, keinen Gattungsnamen gebildet. Einen Typ,
dem man Kirchenverfassungen dieser Art zurechnen könnte, kennt sie
nicht. Sie lehrt, daß in den Städten das Kirchenregiment vom Rat
allein (mitunter durch Ausschüsse, wie das Frankfurter Scholarchat
und Zentamt) geübt wurde, und daß der Geistlichkeit -- die in den
Ratsausschüssen natürlich nicht vertreten war — demnach keinerlei
Anteil am Kirchenregiment zugekommen sei. Das ist richtig, wenn
man vom rechtlichen Anteil am Kirchenregiment redet; das ist aber
durchaus unrichtig, wenn man der Geistlichkeit damit auch den tatsäch-
lichen Anteil am Kirchenregiment abspricht. Nun ist dies letztere in
dieser schroffen Form wohl auch bislang nicht geschehen, aber man
hat doch durch die übertriebene Herauskehrung des Rechtsstandpunktes
den ganz hervorragenden tatsächlichen Einfluß der Stadtgeistlichkeit
auf das städtische Kirchenregiment des Rates ungebührlich in den
Hintergrund treten lassen. Hat man doch gelegentlich in den Stadt-
kirchen von einem besonders straffen, von einem verweltlichten Kirchen-
regiment gesprochen und damit die wahre Sachlage arg verzerrt. Ab-
gesehen von den grundlegenden Kirchenordnungen, die hier einmal aus-
scheiden mögen, war es zunächst und in allererster Linie die amtsbrüder-
liche Verständigung der Stadtgeistlichen untereinander, welche für die
Einrichtung des Kirchenwesens in den Städten maßgebend war. Viele
Fragen des Kultus und der Lehre bedurften infolgedessen besonderer
kirchenregimentlicher Festlegung überhaupt nicht. Die Geistlichen ver-
ständigten sich und hielten sich danach; und hatte sich die so gegründete
Übung erst eingelebt, so war es eine alte Gewohnheit, der sich niemand
ohne triftigen Grund entziehen konnte. Entstanden Streitigkeiten, so
entschied allerdings letzten Endes das Kirchenregiment ; aber wie konnte
es anders entscheiden als so, wie man es, ,dasigen Orts seit Alters gehalten'4 ?
So groß auch die Unterschiede in der rechtlichen Grundauffassung sein
mögen, im Ergebnis ist es hier etwas Ähnliches wie in der katholischen
Lehre, nach welcher der Klerus der Träger des Gewohnheitsrechtes ist.
Und das dort, wo das Kirchenregiment nach hergebrachter Lehre voll-
kommen verweltlicht war! — Doch mehr als dieses ist hier ein anderes
bedeutsam: wer entwarf denn die kirchlichen Verordnungen und Ver-
fügungen des Rats ? Wer hatte die tatsächlich entscheidende Stimme
bei Regelung der geistlichen Angelegenheiten ? Niemand anders als die
Stadtgeistlichkeit. Man wende nicht ein, daß überall und zu jeder Zeit
vor gesetzgeberischen Maßnahmen ein sachverständiges Gutachten er-
beten werde, ohne daß es doch jemandem in den Sinn kommen könne,
den Gutachter zum Gesetzgeber zu machen. Hier wurden nicht be-
liebige Fremde wegen ihres Könnens und Wissens zugezogen, sondern
es sprachen die Geistlichen der Stadt kraft ihres Amtes aus eigenem
(amtlichen) Interesse über eigene Interessen und nicht nach Gutdünken

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