Full text: Volume (8 (1918))

Literatur.

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mentale Kirchenrecht zu höchster Entfaltung, zum vollen Abschluß.
Nichts Verkehrteres als die bisher einmütig, von Alten und Neuen,
Juristen, Theologen und Historikern, Katholiken und Protestanten ver-
tretene Lehre, daß mit seinem Dekret die Kanonistik geboren worden
sei! Sakramentsrecht und nur dieses hat, wie schon die richtig ver-
standene Einteilung des Dekrets erkennen läßt, den Gegenstand seiner
Lehre und seines Werks gebildet.
Dies in gedrängtester Kürze die Quintessenz von Sohms Buch.
Sein grundstürzender Charakter springt in die Augen. Wäre auch nur
ein Bruchteil von dem richtig, was sein Verfasser in ihm behauptet, so
würden von der ganzen bisherigen kirchenrechtsgeschichtlichen und
kirchengeschichtlichen Forschung über das Mittelalter bloß noch Einzel-
heiten übrigbleiben, alles andere aber würde ein völlig neues Gesicht
bekommen; wir müßten mit Sohin von voMie anfangen.
Jedoch ich möchte meinen, daß es mit dem „Altkatholischen
Kirchenrechte“ Sohms ebenso gehen wird wie mit seinem „Kirchen-
recht“. Es wird mit einem Gemisch von Staunen und Bewunderung
gelesen und hingenommen, mit der dem verewigten Meister geschulde-
ten Pietät besprochen, hie und da, namentlich von solchen, die dem in
Betracht kommenden Quellenkreis ganz oder z. T. fremd gegenüberstehen,
nachgebetet, aber von der ernsthaften Forschung der Zukunft im Ganzen
und im Einzelnen abgelehnt werden. Ist es doch im Grunde genommen
durch und durch quellenwidrig und stellt es doch die elementarsten
geschichtlichen Tatsachen völlig auf den Kopf. So bewundernswert es
als literarische Leistung ist, so wenig hält es leider als wissenschaft-
liche, als rechts- und kirchengeschichtliche stand. Das läßt sich auch
ohne besondere Forschung an ihm und mit ihm selbst zeigen. Es würde
nicht schwer sein, dies in eingehender Darlegung auszuführen. Der
durch die Papiernot verursachte Raummangel, der uns zwingt, mit
jeder einzelnen Seite zu geizen, macht jedoch eine ausführliche Wider-
legung unmöglich. Am liebsten hätte ich, wie ich es trotz wieder-
holter Aufforderung Sohms gegenüber seinem „Kirchenrecht“ und gegen-
über seiner Schrift über „Weltliches und geistliches Recht“ getan habe,
gänzlich geschwiegen und die Auseinandersetzung der monographischen
Arbeit überlassen, die doch schließlich allein das Urteil sprechen kann
und wird. Die Freude, die man selbst bei gänzlicher Ablehnung
seiner Ergebnisse an der Eigenart des Sohmschen Geisteswerkes haben
kann, möchte ich weder mir noch Anderen verderben. Nur weil unsere
Zeitschrift nicht wohl achtlos an einem solchen, auch ihre Daseins-
berechtigung in Frage stellenden Buche vorübergehen kann, habe ich
schließlich zur Feder gegriffen. Und lediglich um zu zeigen, daß ich
nicht leichtfertig, ohne genügende Gründe zu meiner ablehnenden
Haltung gekommen bin, seien im folgenden ganz kurz und in Gestalt
weniger abgerissener Sätze noch einige Hauptbedenken geäußert. Längst
im Werk befindliche eigene Arbeiten werden mir später noch Gelegen-
heit genug geben, in streng wissenschaftlicher Weise zu der einen
oder andern der Sohmschen Thesen Stellung zu nehmen.

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