Full text: Volume (8 (1918))

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Rudolf Köstler,

doch als Titel der Ersitzung dienen, durch die dann erst
die Befreiung entsteht (konstitutive Ersitzung). '
Die Bedeutung der Verjährung für die Bildung von
Gewohnheitsrecht ist nur im Zusammenhänge mit der da-
maligen Art und Weise der päpstlichen Gesetzgebung und
mit dem damaligen Verhältnisse von Gesetz und Gewohn-
heitsrecht ganz zu begreifen.
Die kirchliche Gesetzgebung war im zwölften Jahr-
hundert, schon seit den Zeiten Gratians, im Begriffe, von
den Konzilien immer mehr und mehr auf die Päpste über-
zugehen.1) Die beiden Gesetzgebungen waren voneinander
aber erheblich verschieden. Die Konzilsbeschlüsse — und
zu ihnen zählen die vom Papst mit dem Konzil erlassenen
Bestimmungen — waren abstrakt gehalten und schufen
Rechtsnormen bloß für künftige Fälle. Anders die päpst-
liche Gesetzgebung: sie bewegte sich ganz im Konkreten.2)
Sie beschränkte sich in der Hauptsache auf die Schaffung
von Ausnahmen (Privilegien) und auf Erlassung von An-
weisungen für die Behandlung bestimmter Fälle. Als Akt
der Gesetzgebung3) erscheinen zugleich die Entscheidungen
streitiger Rechtsfälle, indem der Papst nicht immer auf
Grund des geltenden Rechts urteilt, sondern nach Ermessen,
und seiner Entscheidung auch Kraft für künftige Fälle
gleicher Art verleiht. Den Rechtssatz aus dieser Entschei-
dung zu ziehen und ihn zu entwickeln, wird der Lehre
überlassen.4) Fast immer hat der Papst es sohin mit subjek-
tiven Rechten zu tun, sei es, daß er Privilegien oder Dis-
pense erteilt, Urteile fällt oder aber Anweisungen hierfür gibt.
Bei dieser Art der Handhabung der Gesetzgebung durch
den Papst kann es nicht verwundern, wenn objektives und
subjektives Recht nicht genau geschieden und daher auch
Gewohnheit und Verjährung, die beide auf Rechtsübung,
1) Hinschius, Kirchenrecht III S. 737ff.; A. Werminghoff, Ver-
fassungsgeschichte der deutschen Kirche im Mittelalter2 (A. Meister,
Grundriß der Geschichtswissenschaft, Reihe II, Abt. 6) (Leipzig und
Berlin, 1913) 8. 197f.; siehe auch oben 8. 160 Anm. 2.
2) Hinschius, Kirchenrecht III 8. 734 und 738f.
3) Vgl. dazu G. Jellinek, Gesetz und Verordnung 8. 246f.
4) Vgl. Friedberg, Kirchenrecht 8 8. 144.

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