Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (8 (1918))

158

Rudolf Köstler,

Fragen und ihre Beantwortung näher eingegangen werden
kann, müssen die erwähnten Begriffe für die Zeit der großen
Kirchenrechtssammlungen und ihre gegenseitigen Beziehun-
gen festgestellt werden.
1. Consuetudo. Darunter verstand schon das römi-
sche Recht1) ein Doppeltes, die Übung eines Rechtssatzes
und die dauernde Ausübung einer Berechtigung. Im letzte-
ren Sinne wurde das Wort namentlich bei Dienstbarkeiten
gewählt, deren Besitz durch eine mehrmalige Ausübung
des rechtlichen Inhaltes in die Erscheinung treten muß.
Und da das kirchliche Recht Besitz und Ersitzung auf die
verschiedensten Rechte ausdehnte2), und sich dabei wohl
auch die Verhältnisse und römisch-rechtlichen Sätze der
Dienstbarkeiten vor Augen gehalten hat, kann es nicht
wunder nehmen, daß auch das Wort Consuetudo im Sinne
der Rechtsausübung ins kirchliche Recht Eingang gefunden
hat. Es bedeutet daher jegliche Rechtsübung3 * * *), ohne Unter-
schied, ob es sich um objektives oder subjektives Recht
handelt. Schon dieser Doppelsinn mag viel zur Verwirrung
beigetragen haben. Dazu kommt für unsere Frage auch
noch die gleiche Zweideutigkeit des Wortes Privileg, wo-
von später zu handeln sein wird.
Übung (usus), Herkommen (mores), Gewohnheit (con-
suetudo) spielten im vorgratianischen Kirchenrecht eine
1) Consue tudo'=. Rechtsaus Übung: L. 20, pr., D VIII2; 1. 13, § 1,
D. VIII 4; 1. 1, §23, D. XXXIX 3; 1. 1, C. III 34; vgl. dazu Glück,
Pandekten I2 8. 443f.; Puchta, Gewohnheitsrecht II 114; auch Heu-
mann - E. Seckel, Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts 9
(Jena, 1907) 8. 1007'consuetudo’ unter c.
2) F. C. v. Savigny-A. F. Rudorff, Das Recht des Besitzes 7 *
(Wien, 1865) 8. 504ff.; C. G. Bruns, Das Recht des Besitzes im Mittel-
alter und in der Gegenwart (Tübingen, 1848) 8. 185ff.; O. Reich, Die
Entwickelung der kanonischen Verjährungslehre von Gratian bis Jo-
hannes Andrea (Diss.) (Berlin [1880]) 8. 34 und 124 (Ausgabe 1908 war
mir nicht zugänglich).
3) Gewöhnlich 'Herkommen’ genannt. O. Gierke, Das deutsche
Genossenschaftsrecht II (Berlin, 1873) 8. 462; derselbe, Deutsches
Privatrecht (K. Binding, Systematisches Handbuch der Deutschen
Rechtswissenschaft, 2. Abt., 3. Teil, 1. Band) I (Leipzig, 1895) 8. 172
und 314; F. Regelsberger, Pandekten (ebenda, 1. Abt., 7. Teil, 1. Band)
I (Leipzig, 1893) 8. 99.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer