Full text: Volume (2 (1912))

Literatur.

463

Jene Kirchenpolitik der Hohenzollern wird also meiner Meinung
nach falsch verstanden, wenn man sie als Beispiel der Bekenntnis-
politik der Hohenzollern auffaßt, sondern sie ist ein Teil des die ganze
Politik der Zeit beherrschenden Strebens nach dem Ausschluß jeder
anderen öffentlich-rechtlichen Gewalt auf dem Herrschaftsgebiet. Sie
muß erklärt und verstanden werden, auf dem Boden jener ganzen
staatskirchlichen Ordnung und mit Rücksicht auf die eigentümliche
Verbindung des kirchlichen Amts mit einem weltlichen Fürstentum,
die die feodale Rechtsordnung Deutschlands geschaffen hat. Wenn ich
die Art, in der der Verfasser die Dinge darstellt, richtig verstanden
habe, so wird er mir vielleicht entgegenhalten, es komme hierauf gar-
nicht an, denn das Vorgehen der brandenburgischen Regierung wider-
spreche dem kanonischen Rechte. Allein auch wenn man jenes Verhalten
auf seine Berechtigung hin an dem Maßstabe des kanonischen Rechts
bewertet, so bleibt es einer w i s s e n sch a f t liehen Darstellung
— und eine solche will Kißling geben — doch nicht erspart, den
weiteren Zusammenhang der Ereignisse zu beachten und die tieferen
Gründe ihrer Verflechtung aufzusuchen. Denn so wenig jene Kunst-
werke die besten sind, deren Schöpfer sich die sittliche oder vater-
ländische Erbauung zum ersten Zwecke gesetzt haben, so wenig sind
die Geschichtswerke die besten, die einen solchen Zweck verfolgen;
sondern denen gebührt die Krone, die den Gang des Lebens, die Ge-
schichte uns verstehen lassen, die, ohne uns laut zum Verurteilen
oder Verzeihen zu ermahnen, unsere Einsicht in das Wesen des ge-
schichtlichen Verlaufs erweitern und vertiefen.
Dieselbe Beobachtung, daß der Verfasser durch die ausschließliche
Bewertung aller Ereignisse an den Sätzen des kanonischen Rechtes
sich das Verständnis für manche Zusammenhänge erschwert, zeigt
sich auch in der folgenden Darstellung. So berührt er — vielleicht
sogar etwas kurz — den Inhalt des allgemeinen Landrechts an staats-
kirchenrechtlichen Sätzen, der als die Zusammenfassung des bisherigen
Staatskirchentums geschichtlich, aber auch für die weitere Zeit rechtlich
allergrößte Bedeutung besitzt. Wohl nirgends ist so planmäßig und
theoretisch bewußt der Versuch gemacht worden, trotz Einräumung
eines gewissen Maßes persönlicher Glaubensfreiheit, die kirchliche
Verfassung und Verwaltung in den Dienst des Staates zu stellen und
so sehr den katholischen Teilverband aus dem Gesamtverband der
Kirche zu lösen. Nirgends ist diese Gesetzgebung, die ja in anderen

kannt. Auch an anderer Stelle (S. 392) weiß Kißling die entsprechende
Politik der bayerischen Herzoge und Kurfürsten im Sinne der obigen Dar-
legungen richtig zu würdigen. Allein hier fällt der Tadel nicht so sehr auf
die katholischen Landesherren als vielmehr voll auf die Bischöfe. „Den
benachbarten Bischöfen bereiteten die Übergriffe der bayerischen Bureaukraten
schwere Sorgen. Wie sehr aber ein Teil dieser Oberhirten die katholische
Gesinnung verloren hatte, bewies ihre Anteilnahme an der durch die
Errichtung der Münchner Nuntiatur veranlaß teil febronianischen Opposition
gegen den Heiligen Stuhl.“

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer