Full text: Volume (2 (1912))

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Literatur.

an in die längst vorbereitete großartige Feudalisierung, die das welt-
liche Wesen aus sich neu erzeugte. Der feudale fränkische und
deutsche Staat sicherte sich in dieser Gebundenheit eine wirtschaftliche
und geistige Macht, die einen nicht geringen Teil seiner Stärke aus-
machte. Sein Kirchenbegriff aber, dessen tiefere Einsicht und treffende Be-
nennung wir Ulrich Stutz verdanken, drohte die freieren und univer-
saleren Ideen des antiken Kirchenbegriffs zu vergewaltigen, und seine Er-
starkung rief zuerst in den staatsschwachen Gebieten des Abendlands
jene Reaktion hervor, die sich tastend ihre Schlagwörter suchte und
doch in allen ihren Äußerungen, so leidenschaftlich sie jedes Maß über-
schritten, die große Idee des öffentlich-rechtlichen Charakters der Kirche
mit dem ganzen Einsatz einer wahren geistigen und moralischen Macht
vertrat. Die Kompromisse, in denen der große Kampf zum Stehen kam,
oder richtiger: in denen sich nun beide, Staat und Kirche, fortbildeten,
ließen jene Bindung in sehr erheblichem Maße bestehen. Das Reich
beruhte gerade im 12. Jahrhundert mehr als je auf dem Reichskirchen-
gut, an dem die Reichsabteien von jeher einen sehr erheblichen Anteil
hatten.
Trotz dieser bedeutenden Stellung der Klöster gerade in der
deutsch en R ei chs verfass ung sind ihre Verhältni sse) und Schicksale
erst in den letzten «Jahrzehnten methodisch nach der rechtlichen Seite
betrachtet und untersucht worden. Immerhin gab schon Julius Ficker
in seinem Buch vom Reichsfürstenstand (1861) und dann in der aka-
demischen Abhandlung über das Eigentum des Reichs am Reichskirchen-
gut (Wien 1872) die entscheidenden Gesichtspunkte für Wesen und
Leistungen der Reichsabteien. Fickers Interesse an der Reichsheerfahrt
und seine damit: im Zusammenhang stehende Untersuchung über die
Entstehungsverhältnisse der Constitutio de expeditione Romana (1873)
wies auch Sclieffer-Boichorst (1888) die Wege, auf denen er mich
zusammen mit Aloy s Schulte auf die Reichenauer Fälschungen (1890)
und auf den ersten Versuch führte, die Verfassungsgeschichte wenigstens
einer einzelnen Reichsabtei in großen Umrissen darzustellen (Quellen
und Forschungen zur Geschichte der Abtei Reichenau 1 73ff.). Es war
Schuttes vielseitiges und zugreifendes Interesse, das nicht nur diese
Studien wesentlich förderte, sondern aus den Reichenauer Quellen noch
eine Reihe weiterer fruchtbarer Anregungen entnahm, von denen der
Aufsatz über Freiherrliche Klöster in Baden (Reichenau, Waldkirch,
Säckingen) in der Freiburger Festschrift zum Regierungsjubiläum des
Großherzogs (1902) wieder die Perspektive eröffnete auf ertragreiche
sozialgeschichtliche Forschungen, die zuletzt in dem Buch über den
Adel und die deutsche Kirche im Mittelalter (1910) gipfelten.
Charakteristischerweise hatte die lebendig anschauende, wenn
auch nicht nachhaltig eindringende Art von Nitzsch (schon 1877) die
isolierte Arbeit von G. Matthaei über die Klosterpolitik Heinrichs II.
als einzigen älteren Beitrag zur Geschichte der Reichsabteien angeregt.
Wenig beachtet blieben im ganzen auch die Studien von W. Pückert,
von denen ich die Notitia de servitio monasteriorum (Berichte der sächs.

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