Full text: Volume (2 (1912))

Literatur.

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gegenüber dem „weltlichen“ Strafrecht mit seiner Grausamkeit
den Bestand kirchlicher Asyle als unschätzbare Wohltat darstellt
und diese kirchlichen Asyle als Trägerinnen des Geistes der Humanität
und moderner Grundsätze anspricht, so mag das bis zu einem gewissen
Grade für das frühe Mittelalter gelten, aber kaum für die spätere Zeit:
an der Ausbildung der Grausamkeit des spätmittelalterlichen Straf-
rechts, die sich ja vor allem auf dem Gebiete der Religions- und Sitt-
lichkeitsvergehen äußert, hat die Kirche reichlich ebensoviel schuld
als der Staat. Ganz seltsam aber mutet es an, wenn der Verfasser den
Humanitätsgedanken des modernen Strafrechts geradezu auf die Ele-
mente des kirchlichen Asylrechts zurückführt. So heißt es auf 8. 117,
wo das Verschwinden des kirchlichen Lenitätsgedankens aus dem Ge-
biet des Strafrechts geschildert wird: „An seine Stelle trat die von
ihm herangebildete (sic), vom Staate endlich in der Strafrechtspflege
rechtlich durchgeführte Idee der Menschlichkeit“ (8. 117). Und auf
8. 147 wird uns versichert: „Erfreuen wir uns heute des unschätzbaren
Gutes einer von Privatwillkür freien, vom Geiste der Menschlichkeit
erfüllten Strafrechtspflege, so sollten wir hierbei stets dankbar der
kirchlichen Interzession gedenken, die allein oder unter der Hülle des
mehr als ein Jahrtausend wirksamen Asylinstituts jenen Erfolg im
Verein mit dem Lenitätselemente herbei führte“. Sollte es dem Ver-
fasser wirklich unbekannt sein, daß der Humanitätsgedanke im mo-
dernen Strafrecht ein Kind der Aufklärung ist und in schärfstem
Widerspruch mit den älteren kirchlichen Anschauungen sich durch-
ringen mußte?
Ebenso merkwürdig ist was Verfasser über den letzten Rest des
Asylrechts sagt, der heute noch in Österreich gelte. „Die weltlichen
Organe vermeiden es, dem Charakter der Kirche widersprechende
Amtshandlungen angesichts des Altars vorzunehmen und sichern sich
in jedem Falle die Mitwirkung der Kirchenobrigkeit. Ähnlich verhält
es sich bei den zugleich unter Klausur stehenden Klöstern. Denn (sic)
der auf der Heiligkeit der kirchlichen Orte, ihrer Zweckbestimmung
und der ihnen schuldigen Verehrung ruhende Kirchenfriede — der
Kern des kirchlichen Asylrechtes — ist iuris divini; seine Beobach-
tung konnte für den kirchlichen Bereich durch die Wandlungen des
Asylrechts nicht berührt werden.“ Wieweit die in den ersten Sätzen
erwähnten Tatsachen der geltenden österreichischen Praxis entsprechen,
mag unentschieden bleiben. Jedenfalls enthalten die als Belege in der
Anm. 2, 8. 53ft*, angeführten gesetzlichen Bestimmungen nichts davon,
daß eine über die gewöhnliche Mitwirkung des Hausherrn hinaus-
reichende Mitwirkung der Kirchenobrigkeit erbeten werden muß. Die
Behauptung aber, daß es sich ebenso mit den unter Klausur stehenden
Klöstern verhalte, belegt G. 8. 55 Anm. 1 mit zwei Quellenstellen,
nämlich mit — Trid. sess. 25 de regul. c. 5 und mit der Bulle Apostolicae
sedis moderationi II § 6 von 1869, die er also offenbar als ein für die
weltlichen Behörden geltendes Recht ansieht. Und auch der mit
„Denn“ beginnende dritte Satz verrät als Ansicht des Verfassers, daß

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