Full text: Volume (2 (1912))

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Literatur.

Bis hierher ist die Beweisführung für die Grundthese dem Ver-
fasser meines Erachtens mißlungen; das eine angeblich rein christliche
Element des Freiungsrechts entstammt wahrscheinlich dem Heidentum,
das andere ist überhaupt nicht wirksam gewesen. Dagegen ist zweifel-
los das dritte Element, die kirchliche Inter Zession, ein spezifisch
christliches Element, das im heidnischen Asylrecht sich nicht oder
wenigstens nur ganz unentwickelt findet (8. 118 ff.). Daß die Pflicht der
Bischöfe und schließlich überhaupt der Geistlichen, für Verfolgte sich
zu verwenden, für die Ausbildung des Asylrechts von entscheidender
Bedeutung war, ist auch schon bisher fast allgemein anerkannt;
jedenfalls gebührt G. das Verdienst, die bisherige Lehre in manchem
ergänzt zu haben, vor allem durch den Nachweis, daß auch nach der
vollen Ausbildung des Asylrechts die Interzession eine gewisse Bedeu-
tung erlangte und daß sich diese Bedeutung gerade in der Zeit steigerte,
als das Asylrecht selbst im Schwinden begriffen war. Nur darf man
in diesem Zusammenhang zwischen Interzession und Asyl kein rein
kirchliches Element sehen. Denn zur Ausbildung eines Asylrechts
konnte die Interzession doch nur führen, wenn die weltlichen Ge-
walten verpflichtet waren, der Interzession Folge zu geben. Darüber
aber bestimmte das weltliche Recht. Und so wird man die Beweis-
führung für den rein kirchlichen Ursprung der Elemente des Asylrechts
als gescheitert ansehen müssen, so sehr man auch in vielen Einzelheiten
dem Verfasser zustimmen kann.
In noch höherem Grade gilt diese Zustimmung den Ausführungen
über „die Bedeutung der Schutz- und Immunitätsverhältnisse
für die Entwicklung der kirchlichen Freiheiten“ (S. 148 ff.), und zwar
vor allem deshalb, weil bei der Behandlung dieses Freiungselementes
die leitende These des Verfassers vom kirchlichen Ursprung der
Freiungselemente nicht in Betracht kommt. Handelt es sich doch da-
bei nicht um einen allgemeingültigen Rechtssatz, sondern um die
Frage, wie weit durch die den einzelnen kirchlichen Instituten von
weltlichen und geistlichen Gewalten verliehenen Schutz- und Immuni-
tätsprivilegien einerseits die schon durch die reverentia loci gegebene
Freiung verstärkt, andererseits diese Freiung von den unmittelbar
dem Gottesdienst geweihten Örtlichkeiten auf die nächste Umgebung
ausgedehnt worden ist. Im Vordergrund steht dabei ein Rechtsinstitut,
das gerade in der jüngsten Zeit Gegenstand lebhafter Erörterungen
gewesen ist, die sogenannte engere oder innere Immunität.
Gewiß ist der Asylcharakter nur eine Eigenschaft dieser engeren Im-
munitäten, die sie übrigens mit rein weltlichen Freihöfen teilen; aber
daß gerade diese Eigenschaft, die in der bisherigen Debatte mehr
zurücktrat, eine eingehendere Darstellung erfährt, ist mit Freude zu be-
. grüßen. Auch brachte es der Gegenstand mit sich, daß auch die
übrigen Rechtsverhältnisse dieser engeren Immunitäten gestreift und ins-
besondere auf ihren räumlichen Umfang näher eingegangen wird. Aller-
dings sind Grölls Ausführungen gerade in bezug auf diese letzten Punkte
nicht ganz irrtumsfrei. Angesichts des Interesses, das sich an den

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