Full text: Volume (2 (1912))

Literatur.

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Mjtte des 5. Jahrhunderts völlig an Quellen, die aus der Heiligkeit des
christlichen Gotteshauses irgendwelche Asylwirkung ableiten. Die erste
Quellenstelle, welche das Asylrecht der christlichen Kirchen mit der reve-
rentia loci in Verbindung bringt, ist ein Kanon des Konzils von Orange
von 441. Gewiß nehme ich in Übereinstimmung mit G. an, daß der Zusam-
menhang zwischen der reverentia loci und dem Freiungscharakter der
christlichen Kirchen schon älter als dies Konzil ist und in die Zeit
zurückreicht, da das Christentum Staatsreligion wurde; aber das
Schweigen der Quellen spricht dafür, daß man diesen Zusammenhang
durchaus nicht als etwas speziell Christliches, sondern als etwas durch-
aus Selbstverständliches ansah, was jedem Heiligtum gebührte, und
das deutet doch entschieden auf einen Zusammenhang mit dem heid-
nischen Tempelschutz. Bezeichnend ist auch, daß die Friasse des Ho-
norius und Theodosius II. von 419 (Const. Sirm. 18) und des Theo-
dosius II. und Valentinianus III. von 481 (c. 4 Cod. Theod.9, 45) die
Erweiterung des Gotteshausfriedens auf die nächstgelegenen Räume
nicht etwa mit der Heiligkeit dieser Räume, sondern mit reinen Zweck-
mäßigkeitserwägungen begründen.
Ein weiteres, bisher kaum beachtetes Element des kirchlichen
Freiungsrechts glaubt G. in dem Erfordernis der perfecta lenitas
entdeckt zu haben; der Geistliche würde durch Auslieferung eines mit
Todes- oder Verstümmlungsstrafe bedrohten, ja ursprünglich durch Aus-
lieferung jedes Flüchtlings die für seinen geistlichen Beruf erforderliche
Herzensmilde verloren haben (S.57ff.). G. erörtert nun ausführlich die Ent
wicklung der irregularitas ex defectu plenae lenitatis. Aber für das Asyl-
recht sind seine Erörterungen ergebnislos; auch nicht eine mittel-
alterliche Quellenstelle bringt das Asylrecht mit dem Erfordernis der
perfecta lenitas in irgendwelchen Zusammenhang; die wenigen Stellen,
nach denen der ausliefernde Geistliche sich versprechen läßt, den Aus-
gelieferten mit einer Leibes- oder Lebensstrafe zu verschonen, erklären
sich sehr viel einfacher aus der kirchlichen Interzession. Das völlige
Schweigen der Quellen läßt sich aber nicht, wie G. es tut, dadurch
ersetzen, daß man logisch deduktiv aus dem Prinzip der plena lenitas
die Asylgewährungspflicht des Geistlichen erschließt. In Zeiten, in denen
man ruhig die Kriegführung der Bischöfe und Abte duldete, war man
wahrhaftig nicht geneigt, aus diesem Prinzip die letzten Konsequenzen
zu ziehen. Erst am Anfang des 18. Jahrhunderts brachte man das Er-
fordernis der perfecta lenitas mit dem Asyl in Zusammenhang, und
zwar war es der österreichische Staat, der das Asylrecht aus diesem
Erfordernis ableitete und daraus die Folgerung zog, daß in allen
Fällen, in denen nicht Leibes- und Lebensstrafe drohte, ausgeliefert
werden mußte. Der Fürstbischof von Passau protestierte gegen diese
Auffassung und führte die Freiung auf die veneratio loci zurück. Erst
als einige Jahrzehnte später die Berufung des Klerus auf die Heilig-
keit des Ortes nicht mehr recht verfangen wollte, spielte die Geist-
lichkeit selbst dies Moment aus, um wenigstens für die schwersten
Fälle die Auslieferung zu hindern.

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