Full text: Volume (2 (1912))

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Miszellen.

der letztgenannten Stelle, die wohl irgendeiner uns unbekannten Summe
oder Glosse entnommen ist, wird auch begründet, warum es im Titel
„concordia“ heiße und wie sich dies von „concordantia“ unterscheide:
„concordia“ sei die Herstellung des Einklanges zwischen den Dekreten
durch die eingeschobenen Paragraphen1) Gratians, „concordantia“ aber
die Ähnlichkeit oder Gleichheit des Sinnes verschiedener Dekrete. Vom
13. Jahrhundert an schwankt auch die Dekretistenliteratur zwischen
„concordia“ und „concordantia“.2)
Die Frage, ob Gratian selbst seinem Werke den Titel „Con-
cordia d. c.“ beigelegt hat, würde sich mit unbedingter Sicherheit wohl
nur dann entscheiden lassen, wenn wir die Originalhandschrift des
Dekrets besäßen oder wenn sein Verfasser oder einer seiner nächsten
Schüler uns darüber Auskunft gäben. All dies ist nicht der Fall. Das
berechtigt aber nicht zu dem Schlüsse, daß Gratian sein Buch wahr-
scheinlich ohne Titel veröffentlicht habe. Vielmehr müssen wir bei
einer so vielfachen, frühen, maßgeblichen und widerspruchslosen Be-
zeugung des Titels „Concordia d. c.a bis zum Beweise des Gegenteils
annehmen, daß er vom Verfasser des ganzen Werkes stammt. Es
fehlt aber auch sonst nicht an sehr beachtenswerten Gründen für
diesen Ursprung. Der nachgewiesene Titel bringt die Tendenz
Gratians aufs treffendste zum Ausdrucke, wie schon von den Glossa-
toren hervorgehoben wird.3) Ein deutlicher Anklang an ihn findet sich
auch im Dekrete4) selbst, wo Gratian vor allem das wichtigste Wort
des Titels, „concordia“, verwendet. Mit klaren Worten schließlich be-
haupten mehrere Dekretisten die Urheberschaft Gratians, die zugleich
concordia, aliud concordantia. Concordia dec(re)torum pro(pri)e e(st) in-
t(er)po(s)itio parag(ra)pliorum Gr(ati)ani, ubi ipse concordat et quasi ad
concordiam reducit decreta, que videntur discordare. Concordantia vero est
similitudo vel idemptitas sensus diversorum dec(re)torum. Jdemptitas: quando
idem per expressionem in diversis dicitur decretis, ut in multis locis habetur.
Similitudo: quando ab uno simili ad aliud simile argumentatur. Puta: Infra
c. XII. dicitur, quod clericis distribuenda sunt ecclesiastica benefitia secun-
dum merita (s. in. am rechten liande von anderer Hand ergänzt); ergo cum
militibus stipendia secundum inores suos“ (hier abbrechend); Cod. cit. fol. 157v
(Anf.d. 13. Jahrh.). Die erste Zeile (bis „Gratiani“) des am oberen liande stehen-
den Textes ist beim Einbinden der Handschrift halb abgeschnitten worden, so
daß ich die ehemals übergeschriebenen Abkürzungszeichen ergänzen mußte.
J) Wie hier, so werden bei den Dekretisten überhaupt die eigenen
Erörterungen Gratians, die in den Dekrethandschriften mit dem Zeichen §
beginnen, stets „paragraphi“ genannt. Vgl. v. Schulte, Quellen und
Literatur 1, S. 55f.; Friedberg, Decretum Gratiani, Sp. IX. Man hätte
längst von der jetzt üblichen Bezeichnung „dicta Gratiani“ zu der quellen-
mäßigen zurückkehren sollen. — 2) So sagt Guido de Baysio in seinem
Rosarium super decreto, ed. cit. fol. 2r, 2: „Incipit concordanda etcetera
s(cilicet) nunc, vel dicas incipit concordia, i(d est) compilacio et in unum
reductio canonum discordandum, s. olim in diversis compilacionibus et locis
positorum et dispersorum.“ Vgl. auch die oben S. 3384 (339) angeführte
Glosse des „ Jof.\ — 3) Sieh oben 8. 338 4 (339), 339 2-3, unten S. 34D- 2. —
4) Vor c. 25) d. 50: 㤠Quomodo igitur huiusmodi auctoritatum dissonantia
ad concordiam revocari valeat, breviter inspiciamus“. Die von v. Schulte,
Quellen und Literatur 1, 8.48 7, genannte andere Stelle kommt nicht in Betracht.

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