Full text: Volume (2 (1912))

Die augustinische Geschichtsanschauung.

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Erbfolge behalten. Diese einzelnen Züge werden überall in
der mittelalterlichen Gieschichtsliteratur als Folgen dort der
gottgefälligen, hier der gottlosen Herrschaft angesehen und
verstanden, wenn man auch nicht verkennt, daß jene guten
wie bösen Ereignisse zuweilen auch unter solchen Herrschern
Vorkommen und ihnen zustoßen, die es nicht verdient haben,
Vorkommnisse, die man nach Augustinus1) damit erklären
mag, daß Gott die Gläubigen dadurch behüten wolle, äußeres
Glück als höchstes Gut zu erstreben.
Die christliche Obrigkeit hat ihre Pflicht nicht um
eigenen Glückes und Vorteils willen zu erfüllen, sondern um
Gottes willen, als Dienerin des Gottesreiches. Sie soll das
Gottesreich mehren, innen und außen, mit christlich väter-
licher Liebe, wo nötig auch mit väterlicher Zucht
und Strafe, um den „wahren Frieden" herzustellen.2) liier
tritt uns ein Stück dieser Anschauung entgegen, das, so un-
scheinbar und selbstverständlich es auf den ersten Blick dünkt,
doch in seinen Folgen für die Interpretation mittelalterlicher
Geschichtsschreibung im allgemeinen und speziell unserer
Vita Brunonis von grundlegender Bedeutung ist.
Der Friede, sagt Augustinus3) nämlich, ist ein so hohes
Gut, daß selbst die Gottlosen ihn auf ihre Weise erstreben
und seine Segnungen wenigstens äußerlich zu genießen suchen.
Das ist aber kein wahrer Friede, der unter den Gottlosen
herrscht — Augustin führt das Beispiel einer Räuberbande
an —, es ist ein unechter, falscher Frieden, ein Scheinfrieden.
Einen solchen hat die christliche Obrigkeit nicht zu be-
günstigen und zu dulden, ja sie hat die Pflicht ihn zu stören,
wenn dadurch der wahre Friede hergestellt werden kann.
Gegen Verbrecher und Ketzer, gegen Rebellen und Un-
gläubige, kurz gegen alle Gegner des Gottesreichs soll die
christliche Obrigkeit vergehen, wo nötig mit Gewalt und
Krieg, um wahren Frieden herbeizuführen. So erklärt
und löst sich der scheinbare Widerspruch, daß die
christliche Obrigkeit, deren Signatur der Friede ist
und sein soll, doch das Schwert des Gerichtes, des
Kampfes führen darf, ja soll, freilich nur in „gerechtem“
*) De civitate Dei 5, 24. — 2) Augustinus 1. c. 19, 16. — *) Ibi-
dem 19, 11 ex. 12 ff.

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