Full text: Volume (2 (1912))

Die augustinische Geschichtsanschauung.

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eigenwilligen Ungehorsam gegen Giott verführte, sie und
ihre Nachkommen des Paradieses verlustig und des Todes
schuldig machte, zugleich die ganze paradiesische Harmonie
der Natur störte, Zwist, Kampf, Sünde, kurz jegliche Dis-
harmonie in der Welt verursachte. So ist der Gegensatz
der Civitas Dei und der Civitas Diaboli metaphysisch und
irdisch begründet, der die ganze Weltgeschichte erfüllt, die
Kinder Abels und Kains auf ewig trennt als cives Dei und
cives Diaboli.
Bis zur Zeit Christi ist die Civitas Dei auf Erden nur
vertreten durch wenig Auserwählte in Israel, allenfalls auch
durch einzelne besonders begnadete Heiden, wie Plato; alle
andern sind einzeln und in ihren Gemeinschaften, den heid-
nischen Staaten, Glieder der Civitas Diaboli; in diesem Sinne,
und nur in diesem, sind die berühmten, aber oft mißver-
standenen Aussprüche Augustins zu verstehen, daß der Staat
— nämlich der unchristliche — eine Schöpfung des Teufels
sei und daß die Tugenden der Heiden nur als Laster zu
betrachten seien.1)
Doch zur gnadenvollen Rettung der Welt erscheint
Christus und begründet als Abbild und Vorstufe der himm-
lischen Civitas die christliche Gemeinschaft auf Erden, die
Civitas Dei oder Ecclesia Dei, in der fortan allein und
ausschließlich Pax im wahren Sinne möglich ist — auch des-
halb das Wort „extra ecclesiam nulla salus"! —, „Ecclesia“
in diesem weitesten Begriffe christlicher Gemeinschaft, wie
ihn Augustinus außer in den engeren Begriffen der Gemein-
schaft des Klerus und der Kirchenanstalt anwendet2), so daß
alle Auserwählten, auch die wahrhaft christlichen Laien,
darin eingeschlossen sind. Christus hat das regale sacerdo-
tium in Händen, war Priester und König zugleich, gemäß
den Verkündigungen des alten Testaments, nach seiner Ab-
stammung vom Stamme Levis und Judas. Bei seinem
Scheiden von der Erde trennte er, der menschlichen Un-
zulänglichkeit gedenkend, die beiden Ämter, setzte geistliche
und weltliche Obrigkeit (persona sacerdotalis und regalis)
») De Civitate Dei 19 Kap. 25. — 2) Vgl. meine Abhandlung in
den Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung
1885 Bd. 6: „Der Charakter Ottos von Freising und seiner Werke.“
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXIII. Kan. Abt. II. 20

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