Full text: Volume (2 (1912))

Der Anteil des Christentums an den Ordalien.

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Im 4. Jahrhundert ist die germanische Kirche bereits einiger-
maßen organisiert.1) Gallien aber bildet bekanntlich noch
für längere Zeit den Mittelpunkt der abendländischen Kirche
neben Rom.2) Von Gallien aus ist nicht nur das Christen-
tum zu den Germanen immer weiter nach Korden gewandert3),
sondern mit ihm auch die Bissensprobe4) samt ihrer kirch-
lichen Ausrüstung, den Ordalritualien.3) In England ist sie
sodann noch mehr als im Frankenreiche zur Geltung ge-
kommen und wohl von dort, wiederum mit dem Christentum,
zu den Friesen gelangt.") Hier wie dort hat sie ausdrück-
4) Hauck, Kirchengeschichte, I3u-4, S. 27; Harnack, Mission
II2, 8. 232. — 2) Loening, Kirchenrecht, I, 8. 463 ff. und II, 8. 75 ff. —
a) U. Stutz, Arianismus und Germanismus, Hinnebergs Inter-
nationale Wochenschrift III 1909 Sp. 1640 ff. In Britannien gab es
wohl vermutlich schon am Ende des 2. Jahrhunderts Christen. Auf
dem Konzil von Arles (314) war die britische Kirche bereits durch
3 Bischöfe vertreten (Harnack, Mission, II2, 8. 233; Knöpfler,
Kirchengeschichte5, 8. 73f.). Aber durch das Eindringen der heid-
nischen Angelsachsen (449) wurde das Christentum fast ganz ver-
drängt und zu Ende des 6. Jahrhunderts durch den Benediktinerabt
Augustinus nicht ohne Unterstützung der fränkischen
Kirche wieder aufgerichtet (Hauck, Kirchengeschichte, I3u*4, S. 429;
Knöpfler, Kirchengeschichte 5, 8.253). — 4) Daß die während der
Völkerwanderung in Gallien einrückenden Germanen zunächst Arianer
waren, hinderte die Aufnahme der Proben des Abendmahls und des
geweihten Bissens nicht. Denn auch die Arianer kannten die Abend-
mahlsfeier, und wenn sie auch vielleicht weniger abergläubisch waren
als die Kelten und die Katholiken damaliger Zeit (H. v. S chubert,
Das älteste germanische Christentum oder der sog. Arianismus der
Germanen [Vortrag], Tübingen 1909, 8. 16 ff.), so glaubten sie doch an
Gottesurteile. Und wenn sie auch hierfür keine Ritualien ausbildeten,
so machte auch das unseren Proben keinen Eintrag: die Bissensprobe
war damals eben noch wirkliches Abendmahl und bedurfte als
solches — gleichwie die Abendmahlsprobe selbst — keines Rituals
(vgl. o. 8. 218). — 5) Die angelsächsischen Ordalformeln weisen auf
fränkische Formeln hin, die ihnen im 10. Jahrhundert als Vorbilder
gedient haben: F. Lieber mann, Kesselfang bei den Westsachsen im
7. Jahrhundert (Sitzungsberichte der königl. preußischen Akademie der
Wissenschaften zu Berlin, 1896, Berlin 1896), S. 829; vgl. o. S. 223 —
•) Gleichwie Britannien wurde auch Friesland zweimal christianisiert:
Zuerst durch die Franken, aber ohne Erfolg; erfolgreich und dauernd
erst durch angelsächsische Missionare am Ende des 7. Jahrhunderts
(Hauck, Kirchengeschichte, 13»-4, 8. 431 ff.; Knöpfler, Kirchen-
geschichte ®, 8. 261).

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