Full text: Volume (2 (1912))

Der Anteil des Christentums an den Ordalien.

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Gesinde, namentlich die Unfreien, die er zur Feld- und
Hausarbeit brauchte, gesund zu erhalten und seine Arbeits-
fähigkeit nicht um eines kleinen Vergehens willen durch ein
schweres Gottesurteil aufs Spiel zu setzen. Dieses mußte
darum möglichst unblutig verlaufen. Da kam das hl. Abend-
mahl mit Brot und Käse als geweihte und geheiligte Speise
und darum als untrüglich sehr willkommen. Die zunächst
private Anwendung macht es begreiflich, daß wir erst lange
nach der Entstehung unseres Gottesurteils es erwähnt finden.
Über häusliche Vorgänge pflegen eben keine Tatschriften
abgefaßt zu werden und die Chronisten nicht zu berichten.
Erst als die Bissensprobe aus dem Kreise der Familie
herausgetreten und durch Vermittlung der schiedsrichterlichen
Tätigkeit als gewillkürte Beweisform unter Freien auch in
die öffentlichen Gerichte Eingang gefunden hatte, wurden
Formeln hierfür ausgebildet und wirkte die Kirche dabei
offiziell mit. Das geschah nur sehr langsam und allmählich,
erst nach Jahrhunderten privater Anwendung, zu einer Zeit,
da ihre Herkunft vielen nicht mehr recht bekannt war. Im
öffentlichen Gericht hat unsere Probe aber nie die weite
Anwendung gefunden wie im privaten, weil es dort nicht
mehr erstes und einziges Mittel des Gottesbeweises war,
sondern hinter dem Eid und dem Zweikampf zurücktreten
mußte.1) "Wie ursprünglich kam es auch weiterhin als Dieb-
stahlsprobe in Anwendung.2) Erst sehr spät wird es auch
bei anderen Verfehlungen erwähnt: in England im 10.3), auf
dem Festlande gar erst im 13. Jahrhundert.4)
Nicht viel anders als der Laienchrist mag bei der Un-
bildung des Klerus in jener Zeit so mancher Geistliche ge-
dacht und die obigen Bibelworte vom unwürdigen Genuß
des Abendmahls möglichst wörtlich und weltlich aufgefaßt

Patetta, Ordalie, p. 239 e 243; Brunner, Rechtsgeschichte,
II, S. 401 f. — a) Brunner, Rechtsgeschichte, II, 8. 413. — 8) Ags.
Formel III (Liebermann, Gesetze, 8. 408f.) ---- App. I 3 (Zeumer,
Formulae, p. 715sq.): „furtum vel (homicidium aut) adulterium
seu maleficium“. — 4) Fr. Formel B, VIII 6 (f) (13. Jh.) (Zeumer,
Formulae, p. 661): „si de hoc furto aut crimine, quod tibi inten-
ditur, culpabilis sis“; B, XVII1 (a) (14. Jh.) (ibid. p. 687): „hoc furtum
vel hanc luxuriam vel incestum“.

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