Full text: Volume (5 (1915))

Literatur.

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der verbindenden Bemerkung wiederzugeben, der Herzog habe in
der zweiten Urkunde die erstere widerrufen. Er hätte aber doch wohl
den Vorgängen, die zu den beiden Erklärungen führten, durch Einsicht
des Staatsarchivs nachspüren müssen. Dann hätte vielleicht eine nähere
Aufklärung der Vorgänge geschaffen werden können, die jedenfalls sehr
interessant sein würde, mag es sich nun ergeben, daß die im Mai auf-
gestellten Bedingungen nach damaliger Auffassung als ausreichende
Toleranz im Sinne der ersten Urkunde angesehen sind, oder daß in der
Zwischenzeit zwischen beiden Urkunden ein plötzlicher Wechsel der
Kirchenpolitik stattgefunden hat, für den es dann doch jedenfalls einen
bestimmten äußern Anlaß gegeben haben muß. Ebenso hätte der Ver-
fasser in den Regierungsakten gewiß auch die ersten Verhandlungen
über den Bau einer Kirche in Meiningen im Jahre 1843 und über die
Erlaubnis zum Glockengeläute im Jahre 1879 gefunden, und noch andere
derartige Vorgänge näher auf klären können, in denen die Entwicklung
des Verhältnisses von Staat und Kirche erkennbar zu werden pflegt.
Immerhin genügt das vom Verfasser beigebrachte Material doch wohl,
um ein im wesentlichen zutreffendes Bild dieser geschichtlichen Ent-
wicklung im Herzogtum Meiningen zu geben. „Die Renaissance der
katholischen Weltkirche und des gemeinen katholischen Kirchenrechts,
die das 19. Jahrhundert heraufgeführt hat" (Stutz) und die zu den
Konflikten mit den größeren deutschen Staaten geführt hat, ist hier
nicht unmittelbar wirksam geworden. Auch in dem im Jahre 1808
neuerworbenen katholischen Landesteil wurde noch im Jahre 1828 „das
ius circa sacra und die Kirchen- und Episcopalgewalt“ vom Landesherrn
förmlich in Anspruch genommen, was freilich zu einer Verwahrung des
Bischofs von Würzburg führte (S. 19). Im Jahre 1837 wurde das Ver-
hältnis in diesem Gebiet dahin geregelt, daß das bischöfliche Ordinariat
die Erklärung zu erbitten hat, ob der ernannte Kleriker dem Herzoge
persona grata sei. Der Pfarrer hat bei der herzoglichen Behörde einen
Amtseid zu leisten und steht in allen nichtgeistlichen Angelegen-
heiten lediglich unter der zuständigen Behörde des Herzogtums. Die
Kirche unterliegt der Visitation durch einen herzoglichen Kommissar
und einen dazu beauftragten Dekan nach den für die evangelische Kirche
bestehenden Gesetzen. Die Rechtsverhältnisse der im Lande erst später
gegründeten Seelsorgestationen, die sich zum Teil gewohnheitsrechtlich
entwickelt hatten (vgl. S. 35), sind erst vor kurzem durch besondere
im wesentlichen gleichlautende Statute geregelt. (Diese sind im Anhang
abgedruckt.) In ihnen heißt es überall: „Der Seelsorgepriester steht
in allen nicht rein geistlichen Angelegenheiten lediglich unter den
zuständigen Behörden des Herzogtums und hat in solchen Angelegen-
heiten nur Befehle von diesen entgegenzunehmen und zu befolgen.
Über Gegenstände, welche zugleich kirchliche und bürgerliche Bezie-
hungen haben, wird das wechselseitige schriftliche Benehmen des Bischöf-
lichen Ordinariats mit den Herzoglichen Behörden in erforderlichem Falle
statthaben." Einen öffentlich-rechtlichen Charakter dieser kirchlichen
Einrichtungen finden wir nicht besonders ausgeprägt; wir finden sogar in

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