Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

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Literatur.

Vorgänge gewiß aus den Regierungsarchiven eingehendere Kenntnis zu
gewinnen gewesen wäre. So hat der Verfasser z. B. aus zwei ihm von
dem Pfarrer in Meiningen mitgeteilten Urkunden von folgendem staats-
politischen Vorgang Kenntnis erlangt (S. 42 ff.): Im Januar 1774 be-
willigt der Herzog Ernst Friedrich Karl den Katholiken in Hildburg-
hausen, „daß sie zu ungestörter freier Verrichtung ihres Gottesdienstes
und Empfangen der Heil-Sakramenten einen katholischen Geistlichen
kommen lassen und dazu ein besonderes Haus mieten dürfen". Der
Herzog „findet bei jetzig aufgeklärten Zeiten, wo der blinde Religionseifer
größtenteils und an den meisten Orten Deutschlands erloschen, die
Toleranz aller orthodoxen Religionen aber sowohl den Natur- und gött-
lichen als Reichsfundamental - Gesetzen gemäß ist, kein weiteres Be-
denken von den Dispositionen Unserer Christlöblichen Vorfahren nach
dem im Hause Sachsen erinnerlichen S. Weymarischen Vorgang hierunter
abzugehen . . . wenn auch eingewendet werden wollte, daß das reciprocum
an vielen katholischen Orten den protestantischen Glaubensgenossen
nicht wiederfahre, inmaßen Wir lieber in Ausübung vernünftiger Pflichten
den Vorgang machen, als einen blinden Religionshaß nachahmen wollen".
Im Mai desselben Jahres wurden dann in einer umfangreichen Urkunde
u. a. folgende „Bedingungen" näher festgesetzt: „Es wird dieses Privat-
Exercitium Religionis catholicae nicht anders als ein bloßes precarium...
gestattet." „Die Concessionarii renuncieren ausdrücklich allen hiernach
ohnedem unerfindlichen Actionibus bey den Höchsten Reichsgerichten."
Der katholischen Gemeinde wird ein Haus eingeräumt, „daß sie sich
darin in der Stille versammle, und bey verschlossenen Thüren ihre gottes-
dienstliche Privatandacht ab warte. Jedoch verstehet sich dabey vor
sich, daß dieses Privathaus zu einer Kapelle oder Kirche nicht aptiert,
noch mehr, denn ein Altar erbauet, weniger eine Glocke aufgerichtet,
noch ein Orgelwerk angestellt noch sonst einige Sollennität.... daselbst
vorgenommen würde". „Und gleich Wir in Unserer Residenz keinen
Confluxum hominum von unserm eigenen Landvolk gestatten können;
also haben auch die katholischen Unterthanen dergleichen Zusammenlauf
von ihren Religionsverwandten des benachbarten Landvolks, so sonst
nichts hier zu verrichten hat, sorgfältig zu vermeiden." Und „können
wir keine fremde Jurisdictionem ecclesiasticam, noch ein Ordinariat,
noch sonst ein Speciem juris Diöcesani, mithin auch keine Effectus
davon in unseren Landen einräumen, als welche Wir vielmehr Uns selbst
als Landes Herrn auszuüben Vorbehalten". „Taufen, Copulationen und
Leichbestättigungen katholischer Religions Verwandten müssen dem
Ministerio evangelico Protestantium überlassen bleiben", den katholischen
Geistlichen steht nur frei, „die Gebets Verrichtung in dem Sterbehause,
jedoch in der Stille und bey verschlossenen Thüren auszuüben, und
hernach in politischer Kleydung unter den anderen Leichenbegleitern
die Leiche zu begleiten, nicht aber das Grab zu weihen, oder den Segen
zu sprechen, oder sonst einen Ritum liturgicum dabey zu exercieren, als
welcher lediglich vom protestantischen Geistlichen verrichtet wird" usf.
Der Verfasser begnügt sich nun damit, diese beiden Urkunden mit

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