Full text: Volume (5 (1915))

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Literatur.

Aber nicht darin liegt die schwache Seite des Buches. Der Mangel
ist ein methodischer. Die Verfasserin hat die Staatsratsakten und die
josefinische kirchenrechtliche Literatur Österreichs gewiß eifrig durch-
genommen. Aber sie hat es unterlassen, sich über den Gang der Rechts-
entwicklung auch nur aus Werken wie Joh. Friedrich Schulte
(Geschichte der Quellen und Literatur des kanonischen Rechtes) und
Landsberg (Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft) zu unter-
richten. Daraus hätte sie in Wahrheit eine Erkenntnis der naturrecht-
lichen Anschauungen und der Entwicklung dieser Lehre gewinnen können.
Sie hätte dann gelernt, daß schon Bossuet, daß die Jansenisten,
Van Espen, Muratori, Justus Henning, Boehmer zu naturrecht-
lichen Anschauungen neigen und mehr oder weniger davon erfüllt sind,
daß Heinke, Eybel, Rautenstrauch, wissenschaftlich von sehr
geringer Selbständigkeit und Bedeutung, durchaus auf naturrechtlichem
Boden stehen. So kommt es, daß der Schriftsteller, der die zweite Hälfte
des 18. Jahrhunderts mit seiner Lehre souverän beherrscht, daß Christian
Wolff von der Verfasserin gar nicht genannt wird, daß der auf kirchen-
rechtlichem Gebiet für diese Zeit so maßgebende Nikolaus Hontheim
nicht in seiner Bedeutung erkannt wird. Und doch galt des Justinus
Febronius De statu ecclesiae et legitima potestate Romani pontificis
liber singularis als klassische Quelle des unverfälschten Kirchenrechts.
Und Josef II. meinte, als man ihm den Widerruf des Trierer Weihbischofs
vorhielt: Hat man ihn auch widerlegt ? In dieser Literatur hätte die
Verfasserin das Programm der Reformen gefunden, die Österreich, aber
nicht Österreich allein, sondern so manche andere deutsche Territorien
und außerdeutsche Staaten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
auf kirchlichem Gebiete durchführten. Daß diese Gedanken nicht alle
neu waren, daß sie zum Teil schon früher ausgesprochen worden waren,
versteht sich von selber. Wieviel ist neu unter der Sonne ? Gehörten doch
gerade diese Bestrebungen dem so oft schwankenden und oft bestrittenen
Grenzgebiete ‘zwischen Kirche und Staat an. Ebenso ist es richtig,
daß wir seit den letzten Jahrhunderten des Mittelalters ein Vordringen
des Territorialstaates auf kirchlichem Gebiete bemerken können, daß
in den katholischen Territorien der Neuzeit sich die landesherrlichen
iura circa sacra ausgebildet hatten, da der Territorialstaat die wankende
Kirche gerettet hatte. Warum aber nun der Sturm auf der ganzen Linie ?
Weil der rationalistischen Anschauung der Zeit sehr vieles auf dem
Gebiete der Kirche verbesserungswürdig erschien und der Staat es
gemäß der naturrechtlichen Lehre als seine Aufgabe ansah, für das
geistliche und moralische Wohl seiner Untertanen zu sorgen.
Da traf er aber auf das positive Kirchenrecht, das seiner Tätigkeit
Schranken setzte. Aber wieder half eine juristische Anschauung, die
das Fundament des Naturrechts, wir sagen heute das Proton Pseudos
des Naturrechts bildete. Das Recht scheidet sich nach der Anschauung
der Zeit in das göttliche und natürliche einer- und das menschliche
andererseits. Das göttliche Recht, das von Gott geoffenbarte fand man
in der heiligen Schrift. Das Kirchenrecht hatte von jeher gelehrt, daß

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