Full text: Volume (5 (1915))

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Literatur.

Legistenschriften entnommen. „Josef war durchaus Realpolitiker. . .
Wie wenig er dies (doktrinär) war, zeigen am klarsten die Staatsratsakten;
nicht selten sind die Fälle, wo zu einer bereits ins Auge gefaßten Reform
die Prinzipien und Beweggründe erst mühsam zusammengezimmert
werden" usw. (S. 2). Dagegen versichert die Verfasserin auf 8. 30, daß
der Gedanke, daß „die oppositionelle Partei, die päpstliche Macht, auf
Grund bestimmter Voraussetzungen gewachsen sein konnte, daß die
Volksgewohnheiten und Rechte das Produkt einer natürlichen, inneren,
organischen, daher berechtigten Evolution gewesen" seien, dem 18. Jahr-
hundert gefehlt habe. „Friedrich II." sagt sie 8. 32, „ließ seine Untertanen
nach ihrer Fasson selig werden, Josef II. zwingt sie nach seiner Fasson
zum Glücke. Bei Durchsetzen der beinahe fixen Ideen1) bekundet
sich ein robustes Gewissen, ein zu Härten neigender und an Starrsinn
grenzender Wille." Und da soll er kein Doktrinär, sondern ein Real-
politiker gewesen sein! Ja, was versteht denn die Dame unter einem
Realpolitiker und was unter einem Doktrinär?
Die Verfasserin sucht den Nachweis zu erbringen, daß naturrecht-
liche Ideen nicht auf Josef gewirkt haben, obwohl sie annimmt, daß
Martini sein Lehrer gewesen sei. Hätte sie des Berichterstatters Ab-
handlung genauer gelesen, so hätte sie gefunden, daß die Akten über
die Erziehung Kaiser Josefs keinerlei Anhalt dafür geben; nur Bartenstein
hat Josef in die Rechtswissenschaft eingeführt. Die legendäre Erzählung
von der Lehrtätigkeit Martinis müßte erst quellenmäßig erwiesen werden.
Es sei nicht anzunehmen, meint sie weiter, daß das Naturrecht, obwohl
obligater Lehrgegenstand, derartigen Eindruck auf die Geister gemacht
habe. Die Dame kennt eben die österreichische Kodifikation- und
Verwaltungsgeschichte zu wenig, um sich ein richtiges Urteil darüber
bilden zu können. Junge Leute pflegen allerdings den Bann der über-
kommenen Lehrmeinung zu unterschätzen; sie halten das, was sie rezi-
pieren, für originär erworbenes Gut. Wenn man älter wird, sieht man
klarer. Wer nur einen Blick auf die Rechtsliteratur Österreichs vor
der Thunschen Reform und vor dem Auftreten Josef Ungers wirft,
wer einen österreichischen Juristen, der vor dieser Zeit seine Studien
gemacht hat, gekannt hat, wird anderer Meinung sein und den alles
beherrschenden Einfluß des Naturrechts zugeben müssen. Der Josefinis-
mus könne nicht auf dem Naturrecht beruhen, da er die Hauptlehre
des Naturrechts, die Lehre vom Staatsvertrage, ablehne. Das Naturrecht
aber war kein einheitliches Lehrgebäude. Wie Adolf Menzel in seinem
Beitrage zur Festschrift zum XXXI. Juristentage in Wien in trefflicher
Weise ausgeführt hat, ist gerade die Lehre vom Gesellschaftsvertrage,
die übrigens gar keine Erfindung der naturrechtlichen Schule ist,
sondern, wie Otto Gierke in seinem Althusius nachgewiesen hat, ins
Mittelalter zurückgeht, in der verschiedensten Weise vorgetragen sind
die allerverschiedensten Folgerungen daraus gezogen worden. Neben
einem John Locke steht John Hobbes, der Vertreter und Verfechter

1) Vom Berichtserstatt er gesperrt gedruckt.

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