Full text: Volume (5 (1915))

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Literatur.

politischen und persönlichen Freundschaftsbündnis mit Zwingli, die
einseitige Herrschaft des Luthertums in Hessen zu brechen. Das Ergebnis
ist, daß fortan Lutheraner und Zwinglianer innerhalb der hessischen
Landesgrenzen einander dulden müssen, auf Befehl des Landesherm,
„eine Ordnung, die nicht dem Begriff des Predigtamts, sondern den
Aufgaben sozialen Friedens nachkam“. Freilich auch das muß betont
werden: die Synode ist nicht ein Zwischenglied geworden zwischen
Landesherrn und Untertan, gegebenenfalls mit der Möglichkeit, bei
weniger tatkräftigen Herrschern re vera an die Stelle des Landesherrn
zu treten. Die Synode ist vielmehr lediglich verantwortlich für die
Sittlichkeit der Geistlichen. Über den Wandel der ,Christen* wird un-
mittelbar vom Pfarrer an die weltliche Obrigkeit berichtet.
Bis zum Jahre 1531, bis zum Erlaß der Kirchendienerordnung,
waren mehr oder weniger die äußeren Grundlagen der Neuordnung
gelegt worden; der Ausbau im einzelnen erfolgt während der folgenden
anderthalb Jahrzehnte, mithin äußerlich zusammenfallend mit der
politischen Glanzzeit des deutschen Protestantismus. Im einzelnen
können die Maßnahmen der hessischen Obrigkeit nur kurz angedeutet
werden, wie sie sich auf die verschiedensten Zweige der Verwaltung
erstreckten: die Ausbildung des „Kastens“ und, damit im engsten Zu-
sammenhang stehend, die Entwicklung des hessischen Spitalwesens,
wo eine der populärsten Gestalten der hessischen Reformationsgeschichte,
Heinz von Luther, bestimmend eingriff; die Regelung der Pfarrbesoldung,
die nicht nur auf das Klostergut, sondern auch auf weltliche Einkünfte
begründet wurde, wodurch der Charakter des Predigers als eines landes-
herrlichen Beamten unzweideutig betont und für alle Zeiten festgelegt
wurde; die Ordnung des Stipendienwesens, die Dotierung der Universität
Marburg mit ehemaligem Klostergut, nach dem Grundsatz, „das Kloster-
gut dient dem Predigtamt, dem Glauben und dem gemeinen Nutzen,
wenn es in die Kasse der Universität floß“.
Über die Wirkung dieser Ordnungen sind wir im einzelnen heute
noch nicht unterrichtet; die in Aussicht gestellten Publikationen zur
hessischen Reformationsgeschichte werden hier erst Licht und Klarheit
verbreiten. Nach den Verhandlungen, welche während der 30 er Jahre
über die Einführung einer Kirchenzucht, des Bannes, geführt wurden
— in staatsmännischer Einsicht nahm der Landgraf diesen Wünschen
seiner Geistlichkeit gegenüber ebenso wie der um seinen Rat angegangene
Martin Luther einen durchaus ablehnenden Standpunkt ein —, könnte
man schließen, daß die kirchlichen und sittlichen Zustände in Hessen
noch recht traurige waren, und Vorkommnisse in einzelnen Gemeinden
entrollen denn auch unzweifelhaft ein recht trübes Bild. Bis wir aber
genauer unterrichtet sind, wird man doch für Hessen als Ganzes genommen
aus der Haltung der Geistlichkeit und des Volkes in den Zeiten des
Interim ein günstigeres Prognostiken stellen dürfen, als es der Verfasser
tut. Visitationsprotokolle sind doch ein immerhin einseitiges, oft stark
schematisierendes Quellenmaterial; ihre Tendenz richtet sich naturgemäß
dahin, die Schattenseiten stärker hervorzukehren, die Lichtseiten, als

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