Full text: Volume (5 (1915))

Literatur.

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göttlichen Urheber wahre und volle Ablaßgewalt erhielt, dieselbe aber
entweder nie oder wenigstens nicht in der ersten Zeit, etwa nie im ganzen
ersten Jahrtausend anwendete und gebrauchte“ (ib.). Die ecclesia ist
ja semper eadem, folglich muß ihr Dogma virtuell und potentiell von
Anfang an in gremio ecclesiae vorhanden sein, und ganz folgerichtig
— „die geschichtliche Ablaßforschung bildet selber den Traditionsbeweis
für den katholischen Ablaß nach seinem Wesen, Inhalt und Zweck“
(S. V). Ein solcher Traditionsbeweis ist natürlich „einheitlich“ und
„ununterbrochen“ (ib.); es handelt sich ja letztlich nur um Auswicklung
einer gleichsam zusammengerollten und darum zunächst kaum bemerk-
baren Idee, nicht nur epigenetische Entwicklung. In der Tat will H.
zeigen, „daß die Ablässe ohne wesentliche Veränderung in der Spendung
und im Gebrauche sich entwickelt (soll heißen: sich auseinandergefaltet)
haben ununterbrochen vom 1. und 2. bis zum 19. und 20. Jahrhundert,
daß namentlich im 11. Jahrhundert und bei den Kreuzzügen kein gewalt-
samer Sprung für die Ablaßforschung, kein neuer Ansatz für die Ablaß -
spendung nötig erscheint“ (ib.). So steht denn die Erörterung des der-
zeitigen dogmatischen Ablaßbegriffes und seine Sicherstellung nach allen
Seiten hin an der Spitze, und dann wird die Geschichte mit dieser dog-
matischen Fackel durchleuchtet.
Dieses von H. selbst gebrauchte Bild von der Fackel geht bekanntlich
auf Leo XIII. zurück, und damit ist die kirchliche Korrektheit jener
Methode schon erwiesen. Historisch verfehlt ist sie darum doch; sie
muß auch zum Glück nicht, wie die katholische historische Forschung
zeigt, unbedingt so gehandhabt werden, wie H. es für nötig hält, und
alle wenig geschmackvollen Ausfälle gegen A. M. König er (der sich
gerade über die Methodik der Geschichte von gut kirchlichem Standpunkte
aus sehr maßvoll aussprach) und A. Gottlob um ihrer anderen Auf-
fassung von der Ablaßentwicklung willen ändern daran nichts. Selbst
Nie. Paulus, der einzig und allein (8. V) Gnade bei H. findet, denkt
historisch-methodisch richtiger als H.s einseitiger und vorgefaßter Dog-
matismus und hat auch seinen abweichenden Standpunkt a. a. 0. ge-
kennzeichnet. Es geht einfach nicht an, das Ende zum Anfang zu machen;
diese Methode verliert nahezu vollständig den Charakter genetischer
Forschung und trägt in das Geschichtsbild Züge hinein, die ihm fremd sind.
Das ist bei H. mit Händen zu greifen. Einige Beispiele mögen es belegen.
Mit einer souveränen Handbewegung wird das von Königer mit
vollem Recht als von Anfang an mitschwingend gesetzte Nützlichkeit^-
moment des Ablaßwesens abgeschüttelt. „Wenn bei dem sogenannten Al-
mosenablaß nicht ideelle Gründe eine Rolle spielten, so war das gar kein
Ablaß und keine Ablaßspendung“ (S. XVI, vgl. noch deutlicher 8. XXVI).
Also: weil die gegenwärtige dogmatische Definition des Ablasses nur
ideelle Motive kennt, deshalb müssen beim wirklichen Ablaß stets und
zu allen Zeiten nur ideelle Motive am Werke gewesen sein! In der Tat
geht denn auch H. über den (auch von einsichtigen Katholiken nicht
.geleugneten) unwürdigen Geldschacher beim Ablaßwesen der Vergangen-
heit stillschweigend hinweg. Oder: weil die katholische Ablaßlehre die
Zeitschrift für Reehtsgesehichte. XXXVI. Kan. Abt. V. 33

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