Volltext: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

9.4. von Dmitrewski,M., Die christliche freiwillige Armut vom Ursprung der Kirche bis zum 12. Jahrhundert

Literatur.

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gegen Troeltsch. Das eigentümliche Doppelproblem, welches Troeltsch
in der Lehre der Väter finden will — einerseits grundsätzliche Verwerfung,
anderseits weitgehende Anerkennung der Welt und ihrer Ordnungen —,
macht sich in den Ausführungen der Väter nirgends geltend, und es
erscheint sonach auch nicht gerechtfertigt, die christliche Theorie des
Naturrechts als „kläglich und konfus“ zu charakterisieren.
Verfasser verwertet absichtlich nur die literarischen Quellen. Aber
würden nicht auch die liturgischen Quellen manche wertvolle Aufschlüsse
gegeben haben ? Ich denke besonders an das liturgische Gebet für Kaiser
und Reich (vgl. einstweilen A. J. Rinterim, Über das Gebet für die
Könige und Fürsten in der katholischen Liturgie, in Denkwürdigkeiten
IV 2 Anhang 1827). Um so wichtiger erscheint der liturgische Quellen-
kreis, weil er die offizielle Anschauung der Kirche darbietet, während
die Schriftsteller, so richtunggebend manche von ihnen auch gewesen
sind, doch immer nur Privatansichten wiedergeben. Auch einzelne
Formeln des Liber diurnus, welche zum Teil in die Zeit Gregors d. Gr.
hinaufreichen, hätten für die christliche Kaiseridee, für das Gottes-
gnadentum, für das Verhältnis von Imperium und Kirche herangezogen
werden können. Selbst antike christliche Kunstdenkmäler, z. B. die
Darstellung auf der Tür der Kirche S. Sabina in Rom (Grisar, Ge-
schichte Roms und der Päpste I 257), würden nach dieser Richtung hin
ausgebeutet werden können. Wenn der Verfasser seine Aufgabe endlich
auch nach der Richtung hin erweitert hätte, daß er durch Schilderung
der sozialen Verhältnisse seiner Darstellung einen kräftigeren kultur-
geschichtlichen Hintergrund gegeben hätte, so würde seine Studie noch
um vieles verdienstlicher geworden sein als sie in ihrer selbstgewollten
Beschränkung schon zweifellos ist.
Wien. E. Eichmann.

Michael von Dmitrewski, Die christliche freiwillige Armut
vom Ursprung der Kirche bis zum 12 Jahrhundert (a. u.
d. T.: Abhandlungen zur Mittleren und Neueren Geschichte,
Heft 53). Berlin und Leipzig, W. Rothschild 1913. 97 8.
Der Titel dieses Buches verheißt weit mehr als er hält. Von der
wichtigen Tatsache, daß der christliche Armutsgedanke im kirchlichen
Recht schöpferisch wirksam war, erfahren wir nichts. Die Arbeit hätte
füglich keinen Anspruch darauf, an dieser Stelle besprochen zu werden,
wenn sie nicht für den kommenden Rechtshistoriker der freiwilligen
Armut als eine, wenn auch unzulängliche Materialiensammlung dienen
könnte. Wäre der anerkennenswerte Fleiß des Verfassers auf die Unter-
suchung des Gegenstandes in einem sachlich und zeitlich enger gespannten
Rahmen verwandt worden, so wäre der Forschung ein weit größerer
Dienst geleistet. Auch kann die reichhaltige Bibliographie in der hier
beliebten Zitierweise nur mühsam fruchtbar gemacht werden.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXVI. Kan. Abt. V. 32

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