Full text: Volume (5 (1915))

Die Geltung des kanonischen Rechts in der evang. Kirche. 297
gesetzgebung an, läßt es also subsidiär gelten. Es ist nach
ihm nur da nicht anwendbar, wo es der Ausfluß eines
individuellen Dogmas der katholischen Kirche ist, wie
es unzulässig ist, am kanonischen Rechte Institutionen zu
messen, die auf dem individuellen dogmatischen Boden der
evangelischen Kirche entstanden sind.1) 3. Auch von
Emil Friedberg2) erfahren wir über diese Frage nicht
viel mehr. Er erkennt zwar ein gemeines katholisches
Kirchenrecht an, leugnet aber ein gemeines evangelisches,
weil ,,die evangelische Kirche, indem sie die Kirche als die
Gesamtheit der an Christus Glaubenden3) definiert, kein
äußeres juristisch brauchbares Merkmal der Zugehörigkeit
zur Kirche gewährt, demnach die Kirche auch nicht als
einen Organismus hinstellt, der einer rechtserzeugenden
Tätigkeit fähig wäre.4 *) Wo eine Gleichheit der Rechts-
normen in den verschiedenen evangelischen Rechtsgebieten
(Landeskirchen) hervortritt, kann also nur von einem ge-
meinsamen Rechte gesprochen werden; dies ist aber Parti-
kularrecht. Indessen hat die Praxis, wie auf dem Gebiete
des deutschen Privatrechtes, die Lücken der partikularen
Kirchenrechte durch das sog. gemeine Recht beständig aus-
gefüllt, während es landeskirchliche Gebiete, die gar keine
haben wie alle menschlichen Gesetze der Macht der Gewohnheit unter-
legen, und es sind demzufolge viele ihrer Bestimmungen abgestorben,
die gegenwärtig nur ein unklarer Eifer als lebendiges Recht behandeln
kann". Das gleiche gilt auch vom kanonischen Recht und seiner Geltung
in der evangelischen Kirche, cf. 8. 185 Anm. 1 der Unters., Schulte in
s. Gesch. d. Quell, u. Literat, d. kanon. Rechts III, 2 8. 18 und Jacob-
son, Über die Geltung der älteren evangel. Kirchenordnungen in der
Gegenwart in d. Zeitschr. f. deutsch. Recht 19 8. 62f.
x) 1. c. 8. 277. 2) 1837-1910.
3) cf. Conf. Aug. art. 7: item docent (ecclesiae apud nos), quod
ima sancta ecclesia perpetuo mansura sit; est autem ecclesia congregatio
sanctorum, in qua evangelium recte docetur et recte administrantur
sacramenta.
4) Die äußere Kirche ist aber ein Organismus, der Recht erzeugen
kann, und Friedberg ist ja mit der These Sohms, das Recht stehe
mit dem Wesen der Kirche in Widerspruch, auch nicht einverstanden
(Lehrb. d. kath. u. ev. K.R.6 8. 2 Anm. 1 und sieht in der geschicht-
lichen Notwendigkeit der Entstehung des Kirchenrechts jene These
widerlegt, da das geschichtlich Notwendige nie begriffswidrig sein könne.

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