Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

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Rudolf Schäfer,

die kanonischen Rechtssätze in Ehesachen im Konsistorium
anwandten. Luther nahm besonders an zwei Punkten
Anstoß, den sponsalia de praesenti — Eheschließung —
und de futuro — Verlobung — sowie an den matrimonia
clandestina. Jene erklärte er für „lauter Narrenspiel“* 1),
diese für eine grobe Nichtachtung der Eltern, also des
vierten Gebotes.2) In seinen Predigten3 * *) (zumal in den
Jahren 1539 und 1543) griff er die „Schandjuristen“ so
heftig an, daß schließlich der Kurfürst Johann Friedrich
am Dienstag nach Epiph. (8. Januar) 1544 an Bugenhagen,
Brück und Melanchthon verfügte, daß die Juristen mit den
Theologen sich in solchen Fällen vergleichen sollten.
„Und wenn dieselben in einmütigem Verstand mehr nach
christlicher Lehr, denn dem papistischen Recht gemäß
bracht, seind Wir bedacht zu befehlen, daß also und nicht
anders in Unsern Landen gesprochen soll werden. Wollen
aber etzliche Juristen auf des Papstes Rechten verharren,
so sollten.... die andern mit den Theologen schließen,
denn Uns dieser Zwiespalt in solchen Sachen nit länger zu
gedulden sein wirt. Wir wollen auch denjenigen, so mit
x) cf. Luther von Ehesachen 1530. Die Hauptstelle bei Fried-
berg, K.R. 6 * 8 8. 482f. Anm. 2 abgedr. cf. c. 3. X, 4. 4. Luther faßte
jedes öffentliche Verlöbnis und ebenso jedes heimliche copula carnali
secuta als Ehe auf, daher alle Verlöbnisse als sponsalia de praesenti und
die bedingten Verlöbnisse als sponsalia de futuro, cf. Friedberg,
1. c. 8. 411 ff. 417 ff. 473 ff. 482 ff. und die dort angeführte Literatur.
2) Denn da die Ehe nach römischem Recht durch den mutuus
consensus entstand — consensus facit nuptias — und das kanonische
Recht dies Konsensualprinzip übernommen hatte, war der Konsens der
Eltern bzw. Vormünder nicht nötig. Der Konsens bedurfte weder der
Öffentlichkeit, noch der Form, und die sich daraus ergebenden Folgen,
die Luther in den Tischreden, Erl. Ausg. 62 8. 229, sehr anschaulich
schildert, bewogen ihn eben, dagegen aufzutreten, cf. auch Erasmus,
De matr. Christ. 1650, 8. 67.
3) cf. Mut her, 1. c. S. 21 lf. 442 ff. Cf. Tischreden, Erl. Ausg. 62
8. 238f.; Luther pflegte das aus dem 13. Jahrhundert stammende und in
verschiedenen Formen vorkommende Sprichwort „Juristen böse Christen“
oft zu gebrauchen, cf. Caillemer, L’enseignement de droit ecrit en
France vers la fin du 13 siede. Nouvelle revue hist, de droit 3 (1879)
8.611; Stintzing, 1. c. 8. 73. 100 und „Das Sprichwort Jur. b. Chr.“ usw.
1875; Koehler, Luther und die Juristen 1873, 8. 31 ff.; Mejer, Zum
Kirchenrecht des Reformationsjahrh. 8. 64 ff.

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