Full text: Volume (5 (1915))

Die Geltung des kanonischen Rechts in der evang. Kirche. 183

war, zu arbeiten hatten? Nach der Anschauung der Zeit
selbst — und von ihr müssen wir auch für den Fall ausgehen,
daß sie nicht richtig sein sollte — war die Rezeption der
fremden Rechte als ,,des Reiches gemeine Rechte" in com-
plexu erfolgt. Sie wurden beide gemeinsam durch den
Gerichtsgebrauch rezipiert — und galten kraft Gewohn-
heitsrechts — aber in verschiedenem Umfange angewandt;
was nicht und niemals angewandt war, kann auch nicht als
rezipiert gelten. Ist aber ein positiver Satz des einen oder
anderen der beiden Rechte oder ein Grundsatz aus ihnen
angewandt, dann ist er mit seinen Folgerungen auch rezi-
piert. Nun liegt die Sache allerdings trotz der gemeinsamen
Rezeption beider Rechte beim römischen Recht etwas anders
als beim kanonischen Recht. Man muß doch zwischen den
weltlichen und den geistlichen Gerichten scheiden. Das
römische Recht wurde von den weltlichen Gerichten durch
den Gerichtsgebrauch — nach der Maßgabe seiner Anwen-
dung und gewohnheitsrechtlich — rezipiert. Das kanonische
Recht wurde von den geistlichen Gerichten, aber nicht
kraft Gewohnheitsrecht, sondern kraft Gesetzes gebraucht,
denn der Papst war in geistlichen Dingen unzweifelhaft und
allein in Deutschland bis zur Reformation Gesetzgeber. In
dem Maße nun und erst, als diese geistlichen Gerichte ihre
Kompetenz. aus hier nicht zu erörternden Gründen aus-
dehnten, aber auch die ungelehrten Schöffengerichte von den
gelehrten Gerichten verdrängt wurden, fand das kanonische
Recht auch in die weltlichen Gerichte durch den Gerichts-
gebrauch kraft Gewohnheitsrechts Eingang. Rezipiert
wurde aber auch von ihm nur, was wirklich angewandt
wurde. Vom kanonischen Recht darf man daher einerseits
sagen, daß es in den geistlichen Gerichten in complexu als
Gesetz galt, anderseits, daß es von den weltlichen Gerichten
nach der Maßgabe seiner Anwendung durch den Gerichts-
gebrauch kraft Gewohnheitsrechts rezipiert wurde. Hörte
also in den evangelisch gewordenen Gebieten auch
die geistliche Gerichtsbarkeit auf, so endigte damit keines-
wegs die Geltung des kanonischen Rechts, denn es wurde
ja auch dort nach der Maßgabe seiner Rezeption in den
weltlichen Gerichten angewandt und war von ihnen nach

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer